Windmühlen im Fläming von Adolf Leity, Ortschronist Dietersdorf

Windmühlen prägten jahrhundertelang bis in die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Landschaft des Fläming. Allerorten waren sie neben den Kirchtürmen der Dörfer markante Fixpunkte in der Landschaft. Eine von ihnen war

die Lobbeser Windmühle

Ihre Gründung liegt im Jahre 1719. In jenem Jahr erwarb die Familie Rückert eine Parzelle von der hiesigen Kirche. Der Grund und Boden konnte gegen ein Angeld von 5 Gulden meißnischer Währung und einem jährlichen Zins von 1 Gulden und 3 Silbergroschen übernommen werden. Hier erbaute sich der junge Müller eine Windmühle. Für die Nutzung der Parzelle zu Gewerbezwecken wurde eine Abgabe von 12 Scheffel Roggen jährlich festgesetzt. Damit begann die Windmüllerei Rückert, die über Generationen zur Familientradition wurde.

 

Die erste Erbfolge trat Gottfried Rückert an. Sein ältester Sohn Johann Daniel wurde 1751 geboren. Er erlernte das Müllerhandwerk.

Nach 50 Jahren Dienst erfüllte die kleine Mühle nicht mehr die Anforderung der Zeit. Gottfried Rückert riß sie deshalb ab und baute 1769 eine für die damalige Zeit größere und modernere Windmühle (die Jahreszahl 1769 war in einem Balken der Mühle eingeschlagen). Die neue Mühle besaß eine Schalmaschine, in ihr wurde die Schale der Getreidekörner locker geklopft, damit sie sich besser löste, und so konnte feineres Mehl, also bessere Qualität, produziert werden.

Johann Daniel übernahm das Gewerbe der Windmüllerei von seinem Vater und wurde „Erb- und Eigenthums Wind- und Mahlmüller in Lobbese“. Von seinen 6 Kindern erlernte sein Sohn Johann Gottlieb (geb. 1786) das Müllerhandwerk. 1810 gründete er seine Familie. Mit seiner Frau Marie Dorothea (geb. 1788) hatte er 5 Kinder. Sein Sohn Traugott Friedrich (geb. 1816) wurde Nachfolger des Familienerbes.

Im Bereich der Windmühle wurde wahrscheinlich auf Sicherheit kaum geachtet. Die Mühle war für jeden, auch für spielende Kinder und herumlaufende Haustiere frei zugänglich. Dies traf aber für alle Windmühlen im Amtsbereich Belzig zu.
Deshalb erhielten alle Windmüller 1839 eine „Landräthliche„ Aufforderung, „binnen 14 Tage ihre Mühle mit 3 Fuß hohen, zweilöchrichten Stielen und haltbaren Standzaun vollständig zu umhegen und demnächst ist das geschehen durch dortgerichtliches Attest dazuzthun…“ Pünktlich meldete Gottlieb Rückert den Vollzug dieser Anordnung:

„Ich Endes unterschriebener zeuge hiermit an, daß Königl. Wohllöbl. Rent und Polizey Amt, daß der Müllermeister Gottlieb Rückert sein Gehege um der Windmühle, so wie ihm Anbefohlen aufgerichtet und gemacht hat.
Solches wird hiermit Bescheinigt
Lobbese den 16. May 1839
Niendorf Schulze“

Am 27. August 1840 erhielten die Windmüller eine weitere Aufforderung, die darin bestand, daß in der Mühle „eine Waage bestehend aus eisernen Waagbalken und eisernen geeichten Gewichten“ anzuschaffen ist. In der Mühle mußte auch für jeden Kunden sichtbar eine Preistabelle vorhanden sein. Auch diese Anordnung erfüllte er pflichtbewußt.

Im Jahre 1831 hatte Johann Gottlieb Rückert ein jährliches Steueraufkommen, das an das Königliche Rentamt zu entrichten war:

„I. Auf die Mühle mit Zubehör
     zwölf Scheffel Roggen, Zins und Pachtgetreide, in Quartal-Raten
II.Auf die Hufe Acker
     a, Ein Thaler zwei Silbergroschen zehn Pfennige in Quartal-Raten, als 26 Sgr. 3 Pf.
         Hufengeld und 6 Sgr. 7 Pf. Erbschoß
     b, drei viertel Huhn, Martini
     c, sechs Metzen Roggen, Belziger Maaß
         sechs Metzen Hafer, Belziger Pachtväsel Maaß
         Betegetreide Barthelomäi
     d, drei Metzen Hafer Belziger Pachtväsel Maaß
         Holzkaufhafer Weihnachten
     e, Angemessene Amts- und Jagddiensten
         das wird hierdurch bescheinigt
Belzig den 16. Dezember 1831“
Siegel Unterschrift

Eine neue allgemeine Gewerbesteuer aus dem Jahre 1820 regelte, daß die 12 Scheffel Getreide, die auf dieser Mühle lasteten, nicht mehr entrichtet werden brauchten. Deshalb richtete Gottlieb Rückert 1845 an die „Königliche Hochlöbliche Regierungs Abteilung für die Verwaltung der Domainen und Forsten“ einen „Gewerbeabgabenerlaßantrag“, in dem er ersuchte „den Erlaß der mehrerwähnten 12 Scheffel Roggen genehmigen und die seit 1820 en debit (pflichtgemäß entrichteten – d.V.) Beträge zurückerstatten zu wollen.“
Diesem Gesuch wurde stattgegeben und 1847 erhielt der Müllermeister die Zusage, daß „vom Jahre 1845 ab der Mühlenbesitzer von dieser Abgabe zu entbinden ist. Dagegen ist der Antrag des Rückert auf Erstattung der seit dem Jahre 1820 gezahlten Beträge der zu erlassenden Abgabe als unbegründet zurückzuweisen.“

Am 7. Juli 1853 heiratete sein Sohn Traugott Friedrich die Hüfnertochter Johanna Renate Sophie Grabo aus Lobbese. Als Erbfolger übernahm er das Mühlengewerbe seines Vaters. Mit der Windmühle und etwas Landwirtschaft ernährte er seine große Familie von 11 Kindern (3 Jungen und 8 Mädchen). Dem ältesten Sohn Friedrich Wilhelm Traugott (geb. 1855) fiel es zu, das Müllerhandwerk zu erlernen. Nach dem Todes seines Vaters Gottlieb Rückert im Jahre 1889 übernahm er die Windmühle und führte die Familientradition weiter. Ein halbes Jahr nach dem Todes seines Vaters heiratete er Caroline Marie Friederike Grabo (geb. 1862). Der junge Windmüller mußte 1890 einen herben Rückschlag hinnehmen, denn ein Wirbelsturm brachte seine Mühle zum Einsturz.

Da die Windmüllerei seine Existenz war, baute er sie wieder auf. Dafür mußte er einen Kredit aufnehmen. Wilhelm Rückert konnte sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen. Oft kamen soviel Kunden, daß der Platz auf dem Getreideboden auf der Mühle zum Abstellen der Getreidesäcke nicht ausreichte. So stapelte er die Säcke einfach unter der Mühle. Niemand kam auf die Idee, Getreide zu stehlen. Niemand? Eines Tages fehlten doch 5 Sack Getreide. Die Diebesspur eines Hundewagens konnte in Richtung Boßdorf verfolgt werden, wo sie sich im Walde verlor. Ein Pilzesucher aus Boßdorf entdeckte das Versteck im Walde und informierte den Müller Wilhelm Rückert. Mehrere Männer legen sich auf die Lauer. Als die Diebe die Säcke abholen wollten, wurden sie gestellt. Da sie sich wehrten und fliehen wollten, schoß einer, der eine Flinte mitgebracht hatte hinterher und verletzte einen am Bein.

Von 1890 bis 1900 vergrößerte sich seine Familie um 6 Kinder. Zwei starben jedoch im Kleinkindalter. Während des I. Weltkrieges wurde der Sohn Karl (geb. 1897) zum Militär einberufen und mußte an die Front. Als er 1918 zurückkehrte, nahm er die Lehre als Windmüller auf. Nach Beendigung der Lehre legte er im Alter von 24 Jahren seine Meisterprüfung mit Erfolg ab und wurde einer der jüngsten Windmüller mit einem Meisterbrief, was in der damaligen Zeit recht ungewöhnlich war.

Wilhelm Rückert übertrug nun die Windmühle seinem Sohn Karl. Er wollte seine erworbenen Kenntnisse auch anwenden, um seinen Kunden noch bessere Qualität liefern zu können, deshalb modernisierte er seine Windmühle, indem er einen Weisenstuhl (modernes Getreidemahlwerk) auf einen Askaniersichter (Sieb zum Trennen von feinem Mehl und groben Bestandteilen) installierte. Mit den alten Mahlsteinen wurde nur noch Schrot als Viehfutter gemahlen.

Da ein Windmüller vom Wind abhängig ist, mußte er oft nachts, aber auch an Sonn- und Feiertagen arbeiten. Besonders in den Nächten von Samstag zu Sonntag, wenn in Zeuden oder Lobbese Tanzvergnügen war, hatte der Windmüller so manches nettes Erlebnis. Wenn die Pärchen vom Tanzvergnügen nach Hause gingen, machten sie gerne unter der Mühle, wo häufig leere oder volle Säcke lagen, eine Pause. Der Windmüller, dem dies nicht verborgen blieb, schlich sich heran und erschreckte die Pärchen. Aufgeschreckt suchten sie dann das Weite mit Hosen, Hemd und Höschen in den Händen.

Um auch an windstillen Tagen Mehl mahlen zu können, kaufte sich Karl Rückert einen transportablen Dieselmotor, den er auch für die Dreschmaschine, die Kreissäge u. a. nutzen konnte.

Seine Kunden transportierten ihr Getreide meistens mit einem Hundegespann zur Mühle. Vor dem Aufgang zur Mühle war ein Pfahl, an dem der Hund angebunden werden konnte, wenn der Sack auf die Mühle getragen wurde. Eines Tages hatte sich ein Hund von dem Pflock abgerissen und erkundete mit dem leeren Wagen die Umgebung der Mühle. Plötzlich hörte der Müller einen Knall. Er stürzte zum Fenster, um nachzusehen, was passiert war. Ein Windflügel hatte den Wagen samt dem Hund erfaßt und in die Höhe gehoben. Von ungefähr einer Höhe von 5 Metern stürzte das Gespann herunter, wobei der Wagen in zwei Teile zerbrach. Der Hund in seinem Schreck rannte mit dem Vorderteil des Wagens nach Hause, wo er sich verängstigt zitternd in seine Ecke verkroch.

Wo Getreide gelagert wird, sind Nager nicht weit, und so hatte sich der Windmüller auch mit Ratten herumzuplagen. Einmal versteckte sich eine Ratte in einer Ecke unter einem Balken, nur der Schwanz hing am Balken herunter. Der Müller nahm eine Axt, die immer in der Mühle stand, und schlich sich heran. Ritsch, war der Schwanz ab. Gräßlich aufquieckend sprang die Ratte durch die Mühle und verschwand. Seit dieser Zeit wurden ein paar Jahre keine Ratten mehr gesehen.

Karl Rückert betrieb die Windmüllerei bis 1939, denn er wurde zur Armee eingezogen. Als er 1942 zurückkehrte, nahm er seine Arbeit wieder auf und setzte die Windmühle in Betrieb. Aber es lohnte sich nicht mehr. Die Kundschaft blieb aus, und so stellte er nach kurzer Zeit die Windmüllerei ein und half seinem Bruder Reinhold auf dem Bauernhof. Dort verdiente er sein Brot bis zur Rente. Da er sich nicht verheiratet hatte, brauchte er bis zu seinem Tode 1976 nur für sich zu sorgen.

1945 haben sich russische Soldaten in der Windmühle einquartiert. Große Schäden richteten sie nicht an. In den darauffolgenden Jahren wurde die Mühle öfter aufgebrochen und alles, was brauchbar war, wurde entwendet. Vor allem wurden die Treibriemen gestohlen, Bretter aus den Wänden und der Dielung herausgebrochen usw. Zum Schluß stand nur noch jahrzehntelang eine Ruine dort. Ungefähr ab 1985 erhielt der jetzige Besitzer Reinhold Rückert von der Kreisverwaltung Jüterbog öfter eine Aufforderung, die Mühle abzureißen. Man drohte bei Nichterfüllung sogar mit einer Strafe. 1989 riß Herr Rückert die Windmühle ab. Kurz nach der Wende 1990 sichtete man den Bestand der Windmühlen. Als man die Lobbeser Windmühle nicht mehr vorfand, wollte man Herrn Rückert dafür haftbar machen, daß er ein technisches Denkmal zerstört habe.

Von der Mühle ragt nur noch ein Stumpf wie ein erhobener Zeigefinger in die Höhe, als wollte er mahnen, mit historischen Denkmalen sorgsamer umzugehen.

von: Adolf Leity, Ortschronist Dietersdorf
erschienen in „Treuenbrietzener Heimatblätter Nr. 7 und 8 aus 1999“

2 Kommentare

Monika PietzschMittwoch, 11. November 2009 um 23:46

Mein Uropa war laut Urkunde 1882 Mühlenbesitzer in Jüterbog und ist geboren in Treunenbrietzen1850 Gottlob Schiepe

können Sie mir evtl.bei Nachforschungen helfen ich habe noch konkrete Angaben

Danke für ihre Bemühungen
MfG Monika Pietzsch

Roman SchiepeMontag, 12. Dezember 2016 um 12:33

Hallo Monika,

ich habe die Chronik der Familie Schiepe. Bitte sende mir eine Nachricht mit Deinen Kontaktdaten.

Danke

Vg

Roman Schiepe
romanschiepe@freenet.de

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