Der 23. April – Meine Sicht

Am 23.April legten der Bürgermeister der Stadt Treuenbrietzen, Herr Cornelius, und der Vorsitzende des Heimatvereins, Herr Ucksche, Kränze am Denkmal auf dem Trift-Friedhof und an den Gräbern in der Goethestraße nieder.
Anwesend waren etwa 20 Bürger aus Treuenbrietzen, darunter viele Mitglieder des Heimatvereins. Sie gedachten der tragischen Ereignisse, die sich vor 54 Jahren in unserer Stadt zugetragen hatten.
Der 23. April 1945 hat tiefe Spuren in der jüngsten Geschichte Treuenbrietzens hinterlassen.

 

Es waren die letzten Kämpfe eines von Deutschland entfesselten Weltkrieges, der jetzt auf sein Ursprungsland zurückschlug. Treuenbrietzen war vorderste Kampflinie geworden und erlebte an diesem Tage die ganze Barbarei und Sinnlosigkeit des Krieges. Von Osten rückten sowjetische Truppen in die Stadt ein, vom Westen her drangen die Amerikaner vor und bombardierten den Treuenbrietzener Bahnhof. Der Krieg war längst entschieden, aber das Töten und Zerstören ging weiter. Deutsche Truppen setzten sich vor den Amerikanern ab, wollten sich nach Berlin durchschlagen und stießen auf sowjetische Kampfverbände. Das Chaos muß vollständig gewesen sein.
In dieser Situation kam es in Treuenbrietzen zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung. Mehr als 250 Bürger der Stadt wurden als Geiseln erschossen. Die genauen Gründe für diese sowjetische Strafaktion blieben bis heute im Dunkeln, sie hängen wohl damit zusammen, daß in Treuenbrietzen trotz des Hissens der Weißen Flagge weitergekämpft wurde, daß die Lage unübersichtlich und weitgehend außer Kontrolle war. Die sowjetischen Truppen gehörten zu den Siegern, sie brauchten sich nicht zu rechtfertigen. Und später wurde der Mantel des Schweigens über diese Ereignisse gebreitet, weil sie nicht in das einseitige Bild eines Befreiers vom Faschismus und Helfers beim Wiederaufbau des Landes paßten.
Zurück blieben die zahlreichen Treuenbrietzener Familien, die nicht nur ihre Angehörigen in den letzten Kriegstagen verloren hatten, sondern denen auch das Recht genommen war, öffentlich um sie zu trauern und nach der Wahrheit zu suchen, warum sie sterben mußten. Der Stein mit den vielen Namen auf dem Trift-Friedhof und die schlichten Holzkreuze in der Berliner Siedlung sollten uns heute Anlaß sein, alljährlich am 23.April zu diesen Gedenkstätten zu pilgern und in stiller Trauer zu verinnerlichen, daß Kriege, ganz gleich unter welchem Vorwand und gegen welches Volk sie geführt werden, immer einen Rückfall in die Barbarei bedeuten und zur Verwilderung der Sitten führen.
Die Tötung wehrloser Menschen als Geiseln bleibt ein Akt der Unmenschlichkeit, unabhängig davon, ob deutsche oder sowjetische Soldaten dafür verantwortlich zeichnen. Wir sollten uns davor hüten, eine Einseitigkeit der Geschichtsbetrachtung durch eine andere Einseitigkeit zu ersetzen. Der Zufall der Geschichte hat es gefügt, daß am gleichen 23.April 1945 zwischen Treuenbrietzen und Nichel ein zweites Massaker stattfand. 127 italienische Zwangsarbeiter, die auf dem Rückmarsch aus dem Lager Sebaldushof in ihre Heimat waren, wurden von deutschen Soldaten in einer Kiesgrube erschossen. Auch hier sind die näheren Umstände, wer sie getötet hat und warum sie erschossen wurden, noch ungeklärt. Zurück blieben die trauernden Angehörigen in Italien, die es nicht begreifen werden, warum ihre Söhne noch sterben mußten, nachdem der Krieg für sie schon zu Ende war. Die Einweihung eines Gedenksteines der italienischen Botschaft und ein feierlicher Gottesdienst der Italienischen Gemeinde zu Berlin am 25.April dieses Jahres in Nichel legen Zeugnis dafür ab, daß die Wunden des 2.Weltkrieges noch nicht vernarbt sind und daß die Versöhnung über den Gräbern ein lang andauernder Prozeß sein wird.

Von Ernst-Peter Rabenhorst
Erschienen in „Treuenbrietzener Heimatblätter Nr. 10 (Ausgabe vom 21.05.1999)“

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