Kariedeln – Ein Fastnachtsbrauch in Treuenbrietzen, früher und heute

Bald ist wieder Rosenmontag. Bis 1939 trafen wir an diesem Tag viele Kinder mit Kariedelstöcken in den Straßen unserer Stadt. Sie suchten Verwandte, Nachbarn, Bekannte und Geschäftsleute auf, sangen oder sagten ihre Sprüche und wurden mit Geschenken belohnt.

Was bedeutet dieser Brauch „Kariedeln“, und was können wir über ihn erfahren?
Im dritten Band „Landeskunde der Provinz Brandenburg (Volkskunde)“ von 1912 heißt es auf Seite 339 und 340: „Diejenige Zeit aber, in der weltliche Volkskunst höchste Wogen schlug, war Fastnachten… Aus Cöpenick, Stralau und Treuenbrietzen wissen wir Näheres über diese Gebräuche… In Cöpenick versammelten sich die Fischer des Kietzes und gingen… mit Eisenhaken bewaffnet… in den Häusern umher, zwei andere trugen Fischkescher, um die gesammelten Gaben darin aufzunehmen… Ihre gesungenen Sprüche endeten mit: 

Sie haben uns eine Verehrung gegeben
fürs ganze Jahr,
jahrein und –aus
all Unglück fahre zum Giebel hinaus!

Der Stralauer Gebrauch ist diesem ähnlich… Hier scheint auf die Fastnachtsgebäuche ein anderes Fest eingewirkt zu haben, das bei Slawen und Deutschen gebräuchlich war ¨Das Todaustreiben (Winteraustreiben)… Eine phantastisch herausgeputzte Strohpuppe wurde dabei umhergetragen und nachher verbrannt. Es war das Fest der Sommerverkündigung… Die Fastnachtsgebräuche in Treuenbrietzen erinnern daran, dort hieß der Fastnachtsumzug Karrideln oder Kariln (ein dunkles Wort), und es hat sich dort bis in unsere Zeit erhalten. Kinder mit Eschenstäben, an denen noch die Äste sitzen, ziehen von Haus zu Haus und sammeln Gaben ein, dabei singen sie:

‚Karriel! Karriel!
Der Winstock hät sin Loob verlorn,
Wer soll nu davor sorgen?
Det muß unser lieber Herr Jesus dhun,
Schenk uns‘ne lange (z.B. Wurst),
Lott die korte hange
Bess: übersch Jahr!‘“

Dieser Fastnachtsbrauch in Treuenbrietzen muss sehr alt sein, denn Weinstöcke gab es 1912 kaum noch. Die 80 Treuenbrietzener Weinberge (Grundstücke) wurden im 30-jährigen Krieg (1618-1648) größtenteils verwüstet und nicht wieder angelegt. Die Bürgerschaft hatte bis dahin einen jährlichen Gewinn von 7000 bis 12000 Talern bezogen. „Dieser Wein wurde viel in Berlin ausgeschenkt und ging bis Pommern und Mecklenburg (Pischonsche Chronik S. 142).“
In meiner Kindheit vor 70 Jahren sangen die Kariedelkinder andere Sprüche, z.B.:

„Ich bin der kleine König.
Gib mir nicht zu wenig,
lass mich nicht zu lange stehen,
ich muss noch‘n Häuschen weitergehen!“

oder

„Ich bin der kleine Kaiser,
gestern war ich heiser,
heute kann ich wieder red’n.
Musst mir auch’ne Brezel geb’n!“

Im schönsten Treuenbrietzenerisch hörte sich das auch so an:

„Ick bin dea kleene Keenich.
Jib mich nich ssu weenich,
lass mia nich ssu lange stehn,
ick muss noch’n Häusgen weitajehn.“

Alle Treuenbrietzener waren auf das Kariedeln vorbereitet. Die Fleischer stellten sogar Extrawürste her; in den Schreibwarengeschäften gab es Papierschlangen, Abziehbilder, Kuppelmarken, kleine Papierbilder und Papierbogen. Der Bäcker schenkte Brezeln, Plätzchen, Kringel, Pfannkuchen oder Kuchenstückchen; Obst und Süßigkeiten spendierte der Kolonialwarenhändler und bunte Bänder, auch Puppenlappen der Textilkaufmann. Bald war der Kariedelstock mit vielen Köstlichkeiten geschmückt.Eigentlich sollten Verwandte, Nachbarn und Bekannte aufgesucht werden, aber die Kinder gingen nicht mehr „von Haus zu Haus“, sondern oft nur „von Geschäft zu Geschäft“. Auch Kinder, deren Familien nicht zum Kundenkreis gehörten, erhielten eine Kleinigkeit. Ich beobachtete damals einen größeren Jungen, der seine kleine Schwester begleitete. Er schickte sie in die Geschäfte, und als der Kariedelstock zu üppig behängt worden war, nahm er einiges ab und verstaute es in seiner Hosentasche. Er gehörte zu den „Kariedelexperten“. – „Die volkstümlichen Fastnachtsgebräuche sind freilich offenbar schon entartet: das Gaben sammeln ist ungebührlich in den Vordergrund getreten…“ So heißt es bereits im „Landbuch der Provinz Brandenburg“, Bd. III, von 1912 auf Seite 339.

Während des Krieges wurde selten kariedelt. Nach 1945 flackerte der Brauch etwas auf, aber er konnte sich nicht wieder durchsetzen. Alles war knapp, und die vielen Kleinigkeiten für den Kariedelstock fehlten. In den kommenden Jahrzehnten wurde das Kariedeln fast vergessen. Als ich Anfang Februar 1984 einen Artikel über diesen Fastnachtsbrauch in Treuenbrietzen an die Lokalredaktion der „Volksstimme“ nach Jüterbog schickte, interessierte sich niemand dafür, und ich erhielt keine Antwort.
Heutzutage ist es schwierig, das Kariedeln aufleben zu lassen. Dazu gehört erst einmal der richtige Kariedelstock. Es sollte möglichst ein Stock aus Eschenholz sein. Die Rinde muss abgeschält werden. Wenn sie entfernt ist, glänzt der Stock hell, ist sauber, und die Gaben können auf die Verästelungen gesteckt werden. Auf jeden Treuenbrietzener Kariedelstock gehörte eine Schaumbrezel, diese Fastnachtsspezialität durfte nicht fehlen. Das Rezept dafür existiert noch. Der Bäckermeister Rudolf Baatz verriet es mir. Er machte kein Geheimnis  aus dem Familienrezept, das er von seinem Vater und seinem und meinem Großvater übernommen hatte. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass diese Brezel mit so großem Aufwand hergestellt werden muss.

Zutaten: 15 Eier
500 Gramm Zucker
1 Liter Milch
4 Kilo Mehl
1 Prise Hirschhornsalz
daraus entstehen 600-620 Brezeln. Sie müssen für den Hausgebrauch teilen!

Zubereitung:
Eier mit dem Zucker schaumig rühren; Milch, Mehl und die Prise Hirschhornsalz unterkneten; Teig in kleine Stücke schneiden; dünne Stangen rollen; Brezeln formen; auf Bretter zum Trocknen legen (müssen geschmeidig bleiben, dürfen nicht brechen); leichtes Salzwasser zum Kochen bringen; Brezeln einlegen (nicht zu viele); köchelnd gar werden lassen (wie Klöße); müssen schwimmen; mit kaltem Wasser abschrecken; auf feuchte Tücher legen und mit feuchten Tüchern bedecken; über Nacht (8 bis 10 Stunden) liegen lassen; danach im Backofen bei ungefähr 250 Grad goldbraun backen.
Da eine Hausfrau weniger Brezeln herstellen möchte, muss sie alle angegebenen Zutaten mit der selben Zahl teilen, z.B. mit 5 oder 10. – Schaumbrezeln waren jedenfalls ein typisches Fastnachtsgebäck, das auf den Kariedelstock gehängt werden musste.

Jetzt werden die Kinder in Gruppen an das Kariedeln herangeführt. Vielleicht sind sie in den kommenden Jahren wieder einzeln, zu zweit oder zu dritt unterwegs, und die Verwandten, Nachbarn, Bekannten und Geschäftsleute bereiten sich dann am Rosenmontag auf die Kariedler vor. Es wäre schade, wenn dieser alte Fastnachtsbrauch versickerte, auch wenn seine ursprüngliche Bedeutung („Sommervorkündigung“, neues Leben) verloren gegangen ist.
Übrigens können wir in Luckenwalde ein Standbild mit kariedelnden Kindern entdecken. Dort gibt es den selben Brauch wie bei uns.

Ingeburg Grabow
Quellen:
Landbuch der Provinz Brandenburg, Bd. III Volkskunde, 1912
Chronik von 1871 Pischon

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