Die Molkerei

I. Gründungsgeschichte
Mit der Erfindung der Milchzentrifuge schlug 1875 die Stunde der industriellen Milchverarbeitung. Auf Privatinitiative entstanden die ersten Molkereien. Als Antriebskraft diente die Dampfmaschine. Um 1880 wurden die ersten Molkereigenossenschaften gegründet und 1895 begann der Bau von Molkereien.

Im Jahre 1897 trafen sich Landwirte aus Treuenbrietzen und den umliegenden Ortschaften, um zur besseren Verwertung ihrer Milchprodukte über die Errichtung einer Genossenschafts-Molkerei zu beraten. Unter dem Firmennamen „Molkerei-Genossenschaft, eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Nachschusspflicht, zu Treuenbrietzen“ ließen sie sich als erste Molkereigenossenschaft im Kreis Zauch-Belzig in das Genossenschaftsregister eintragen. 1899 folgte Belzig, 1902 Brück, 1903 Niemegk und 1906 Marzahna (das damals noch zu Sachsen gehörte).

 

Im Juli 1897 wurde mit dem Bau der Molkerei in der Leipziger Vorstadt begonnen und am 17.01.1898 der Betrieb eröffnet. Die Molkerei bestand aus Wohn- und Bürogebäude mit durchgehender Milchannahme und –ausgabe. Darunter befand sich die Quarkerei in den Kellerräumen. Das Giebeldach des Gebäudes war mit Dachsteinen gedeckt. Das anschließende eigentliche Betriebsgebäude hatte ein mit Teerpappe abgedecktes Flachdach. Dieses Gebäude war nicht unterkellert und bestand aus Zentrifugenraum, Butterei, Butterkühlraum und Eislager. An dieses Gebäude schlossen sich Kesselhaus und Dampfmaschinenraum an. Außerdem gehörten zur Molkerei noch Lagerräume, Kohlenlager und  Pferdestall. Entsprechend einer Vereinbarung mit der Stadt richtete die Molkerei-Genossenschaft 1898 im Molkerei-Gebäude ein Warmwasser-Wannenbad zur öffentlichen Benutzung  ein. Die Stadt gewährleistete der Genossenschaft aus dem Betrieb des Bades eine Bruttoeinnahme von jährlich 120 Mark.
Erster Direktor der Molkerei-Genossenschaft wurde Färbereibesitzer W.KOREUBER, der auch die Anregung zur Gründung der Genossenschaft gegeben hatte. Herr TÖPFER wurde vom Vorstand als Betriebsleiter eingestellt, er blieb es, bis er 1934 in den Ruhestand ging und von Molkereimeister THIELE abgelöst wurde, der den Betrieb bis 1939 leitete.
Die Molkerei konnte täglich 12.000 bis 15.000 Liter Milch verarbeiten. Am Anfang lieferten 63 Genossen 1.900 Liter Milch. 1910 zählte die Genossenschaft bereits 447 Mitglieder, die täglich etwa 11.500 Liter Milch anlieferten. Die Milch kam aus Treuenbrietzen, Bardenitz, Pechüle, Niebel, Niebelhorst, Nichel, Schlalach, Deutsch-Bork, Brachwitz, Niederwerbig und Jeserig, später auch aus Rietz und Lüdendorf. Die jährliche Butterproduktion belief sich im gleichen Jahr auf 144 Tonnen. Der Butterabsatz in Treuenbrietzen und den umliegenden Städten gestaltete sich günstig, die Nachfrage der Großhändler konnte kaum befriedigt werden. Die erzeugte Butter war von guter Qualität und gewann auf der Nahrungsmittelausstellung in Berlin 1901 eine goldene Medaille. Sie wurde fast ausschließlich an hiesige Handelsleute zum Weiterverkauf in Potsdam abgegeben.

Um 1900 wurde eine dritte Zentrifuge aufgestellt, ein Regenerativ-Hitzer und ein vervollkommneter Rahmpasteur wurden angeschafft. Mit dem Regenerativ-Hitzer wurde die angelieferte Vollmilch auf 100 °C erhitzt und damit alle Krankheitserreger unschädlich gemacht. Die Kosten für die Maschinen wurden vollständig aus dem Überschuss der Molkerei bestritten. 1908 wurde ein neuer Kessel eingebaut und 1915 erhielt die Molkerei einen neuen, 35 Meter hohen Schornstein.
Um den von den Sammel-Molkereien drohenden Gefahren der Verbreitung übertragbarer Krankheiten wirksamer zu begegnen, wurde vom Regierungspräsidenten angeordnet, dass außer der Pasteurisierung der Milch von den Molkereigenossenschaften nur solche Genossen statutenmäßig zur Milchlieferung zugelassen werden, die sich verpflichteten, bei jedem Melken die erforderliche Reinigung der melkenden Person und des Milchviehs mit Wasser und Seife zu garantieren, und die den Nachweis erbrachten, daß ihnen einwandfreies Wasser zur Verfügung steht. Da Zieh- und Schöpfbrunnen ebensowenig wie die offenen Bäche und die gewöhnlichen Kesselbrunnen einwandfreies Wasser lieferten, musste 1905 ein neuer Röhrenbrunnen (Abessynier) gebohrt werden. Es wurde mit Untersagung des Betriebes der Molkerei gedroht, falls Erkrankungen auftraten, die mit dem Molkereibetrieb in ursächlichem Zusammenhang standen.

Die in den landwirtschaftlichen Betrieben gewonnene Milch wurde in Milchkannen zur Abholung bereitgestellt. Der Milchfahrer sammelte dann mit seinem Milchgespann die Kannen ein und fuhr täglich in aller Frühe zur Molkerei. Dort trug er die Kannen auf die Waage. Er entleerte die Kannen von jedem einzelnen Lieferanten. Das Gewicht wurde im Buch der Molkerei und im Kontrollbuch des Lieferanten festgehalten, die gewogene Milch in das Bassin abgelassen. Von hier förderten Milchpumpen die Milch über Vorwärmer in die Zentrifuge.
Anfangs hatte die Molkerei noch keine Kühlmaschine.  Deshalb war ein Eisraum mit einen Meter dicken Wänden und isolierter Decke gebaut worden. Im Winter wurde hier von Seen und Teichen Eis eingelagert, das im Sommer zur Butterkühlung genutzt werden konnte. Anfang der 30-er Jahre wurde die Butterei durch Aufstellung eines Butterfertigers und eines neuen Rahmreifers modernisiert. Jetzt konnte die Butter in einem Arbeitsgang gefertigt werden.
(Zusammengestellt nach den Jahresberichten 1896 bis 1913 des Treuenbrietzener Bürgermeisters JAHN und einem Bericht des letzten Betriebsleiters Wolfgang LÖWERT von: Ernst-Peter Rabenhorst)

II. Neuanfang nach 1945
Vorbemerkung:Willi THIEDE war von Januar 1940 bis 1972 Betriebsleiter der Molkerei-Genossenschaft in Treuenbrietzen. Er war Augenzeuge der Bombenangriffe auf die Molkerei im April 1945 und wurde danach von den sowjetischen Besatzungsbehörden mit dem Wiederaufbau der Molkerei beauftragt. Über beide Ereignisse hat der 1987 im Alter von 85 Jahren Verstorbene handschriftliche Aufzeichnungen hinterlassen. Die Erinnerungen an die Zerstörung der Molkerei wurden in die Broschüre „…schwere Kämpfe in und um Treuenbrietzen…1945 – Das Jahr zwischen Krieg und Frieden, Treuenbrietzen und Umgebung“ aufgenommen. Wer möchte, kann es dort auf den Seiten 65 bis 69 nachlesen. Hier soll der zweite Teil der Erinnerungen eines Zeitzeugen wiedergegeben werden, und zwar so, wie Willi Thiede es aufgeschrieben hat. Handelt es sich doch um ein Dokument über die Geschichte einer Molkerei, die heute bereits selbst zu einem Teil der Geschichte geworden ist.

Willi THIEDE berichtet:
Auferstanden aus Ruinen
Von unseren Mitarbeitern waren nur noch Gertrud ZILLMER, Hedwig HAASE, Erna HASELOFF  und die Jugendlichen Edith BUSCHKAMP sowie Werner HAASE und Günter HOLLMICK da, die sich sofort an den Aufbauarbeiten beteiligten. Zur Reparatur der komplizierten Maschinenanlage konnte ich die Schlosser Fritz HANNEMANN, Bernhard LUDA, Franz FRIEDRICH und Otto EICHELBAUM gewinnen, die sich ohne Wenn und Aber bereit erklärten. Sie waren seit Jahren die ersten männlichen Mitarbeiter über 16 Jahren.
Der größte Teil unserer Maschinen wurde durch eine 60 PS-Dampfmaschine über Transmissionen angetrieben. Die Dampfmaschine hatte keinen Schaden genommen. Nun stellten wir uns die Aufgabe, die elektrisch angetriebenen Maschinen auf Dampfbetrieb umzustellen. Nach vielem Hin und Her gelang uns das. Die Maschinen mußten ja auf eine genaue Umdrehungszahl eingestellt werden. Mit Hilfe der Kommandantur konnten wir zweiteilige Riemenscheiben und breite Ledertreibriemen beschaffen. Damit waren wir vom Kraftstrom unabhängig. Wenn auch für die Beleuchtung Elektroenergie zeitweise vorhanden war, so konnten die Elektrizitätswerke noch eine längere Zeit keinen Kraftstrom liefern. Im hinteren Teil des Betriebsgebäudes hatten die beiden Hochdruckdampfkessel und die Wasserpumpen keinen Schaden erlitten. Ja, das Wasser hatte bei uns artesischen Auftrieb, es schoss bis zu 2,50 m aus dem Erdboden, wenn die Ventile geöffnet waren. So konnten wir so lange Wasser an die Stadt liefern, bis das Wasserwerk die Lieferung wieder voll übernahm.
Die erste Prämie
Die Wasser- und Abwasserleitung musste in zwei Meter Tiefe neu verlegt werden. Alles musste mit größter Vorsicht gemacht werden, denn das Dach, das wir notdürftig  gesichert hatten, konnte jederzeit herunterbrechen. Nachdem wir schon jahrelang keinen Betriebsunfall hatten, wollten wir auch jetzt keinen. Für die Arbeiten hatte uns das Wasserwerk mehrere Kollegen zur Verfügung gestellt. Mir ging die Arbeit nicht schnell genug voran. Der Älteste, ein langjähriger Mitarbeiter der Wasserwirtschaft, der am Fortgang der Arbeit ein besonderes Interesse zeigte, erhielt von mir 200 Mark und einige Tabakwaren. Damit war es die erste Prämie, die ich vergeben habe.
Ein neuer Ausweg
Die bisherige Ausfahrt war nicht mehr passierbar, ebenso wie die Belziger und Leipziger Straße.  Mit dem Einverständnis von Frau SCHENKE aus der Belziger Straße 1 wurde die Ausfahrt durch ihren Garten geführt, nachdem wir ihn mit Schutt aufgefüllt hatten. Unser Ziel war es, die Molkerei schnellstmöglich wieder in Betrieb zu nehmen. Dazu machten wir unseren ersten Plan.
Es fehlte an allem: Baumaterialien aller Art, Brennstoffe, Werkzeuge und vieles andere. Deshalb war ich ständiger Gast bei der Kommandantur, denn die Rote Armee hielt die Lager besetzt. Ich stellte immer wieder Forderungen nach von uns benötigtem Material, die dann auch stets genehmigt wurden. Ich hatte absolutes Vertrauen zu den Soldaten der Kommandantur und es entwickelte sich bald eine Freundschaft. Von der Stadtverwaltung wurden Handwerker vieler Berufe in unserer Molkerei eingesetzt. Die meisten Firmen habe ich noch in guter Erinnerung. Da waren die Landwirte Herbert FISCHER  aus Niebel und Reinhold HACKE aus Lüdendorf, die mit ihren Gespannen für uns tätig waren. Da waren das Baugeschäft STOLLE mit dem Maurerlehrling Horst JUNG, der später als Bauingenieur beim VEB Bau in Jüterbog beschäftigt war, die Dachdecker WILKE und WALTER, die Glaserei BÖTTCHER, das Wasserwerk, die Elektriker Gebrüder PREUß, der Klempner KARSTÄDT, der Sattler PAASCH und die Vereinigten Tischler aus der Neue- Marktstraße.
Dampf gemacht
Durch die Dampfmaschine, die noch bis 1953 bei uns im Betrieb war, hatten wir einen Vorsprung vor den Molkereien, die voll elektrifiziert waren. Wir hatten andere Sorgen. Ein besonderes Problem war der Brennstoff für die Dampfkessel. Jetzt wurde der bis dahin verachtete Kohlengrus verfeuert, vermischt mit Sägespänen, die aus den in der Nähe liegenden Kohlehandlungen und Sägewerken beschafft wurden. Auch die Kohlenhandlung NICHELMANN konnte von ihren alten Lieferanten nur Kohlengrus für uns bekommen. Wir waren auch damit zufrieden. Tag für Tag war der Landwirt und Fuhrunternehmer Ernst DUNDACK mit der Anfuhr von Sägespänen für unseren Betrieb beschäftigt.
Nach etwa sechs Wochen wurde ein Dampfkessel angeheizt. „Der Schornstein raucht wieder,“ so freuten sich mit uns die vorübergehenden Passanten. Am 26. Juni 1945 konnte der Betrieb mit einer Tagesmenge von 1.500 kg Milch anlaufen. In geringem Maße war nun die Milchversorgung unserer Stadt und ihrer Umgebung wieder möglich. Nachdem wir Schlafmöglichkeiten geschaffen hatten, stellte uns die Kommandantur von Produktionsbeginn an einen doppelten Wachposten, so daß wir ohne Störung von außen die Milchverarbeitung und die Reparaturen an den Maschinen und Gebäuden durchführen konnten. Inzwischen bekamen wir auch ab und zu ein paar Briketts und aus dem Lüdendorfer Wald erhielten wir Holz, das in Zweimeterstücken aufbereitet war. Doch oft war dieses Holz, das wir mit Bescheinigung und gegen Bezahlung erhielten, schon vor dem Abtransport nicht mehr aufzufinden. Einmal fehlten fast 100 m3. Um das Holz in die Kessel zu bekommen, musste es noch einmal in der Mitte gespalten werden. Das war dann unsere Nachmittagsarbeit. Aber wir verzagten nicht.

Auf der Kommandantur
Oft wurde ich früh am Morgen zur Kommandantur bestellt. Schlimm wurde es, wenn ich mit Einverständnis des ersten Bürgermeisters, Paul REHFELD, Butter an die Bevölkerung über den Handel und ohne Genehmigung der Kommandantur ausgegeben hatte. Dann standen wir beide wie die armen Sünder vor dem Wirtschaftsoffizier der Kommandantur in der Breiten Straße. Obwohl wir wussten, dass wir falsch gehandelt hatten, verteidigten wir uns, so gut es ging. Bei allem Unmut hat der Offizier sich doch gefreut, dass wir uns für die Bevölkerung einsetzten. Während einer Durchreise in späteren Jahren besuchte uns dieser Offizier. Er zeigte eine Wiedersehensfreude, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Ich war beschämt, dass ich kein Russisch gelernt hatte, während er die deutsche Sprache gut beherrschte.
Als erstes forderte die Kommandantur eine Bestandsmeldung der Milchkühe in den einzelnen Gemeinden. Neu war für uns, dass ein Halbjahressoll je Kuh mit 1.100 kg Milch bei 3,5% Fettgehalt festgelegt wurde. Nun gab es Fragen über Fragen: Wie soll die monatliche Milchabrechnung erfolgen? Wie sollen die 3,5% bei dem unterschiedlichen Fettgehalt der Milchkühe berechnet werden? Was sollen die Karteikarten der einzelnen Milchlieferanten enthalten? Nachdem  die Druckerei in Treuenbrietzen wieder arbeitete, konnten wir die Fragen unserer Lieferanten auch gedruckt beantworten.

Berlin braucht Milch
Im Herbst 1945 begann die Aufstellung von Lieferplänen für Berlin. Bis dahin wurde die anfallende Magermilch zu Speisequark, Sauermilchquark und dann zu Kochkäse verarbeitet. Auch Steinbuscher Magerkäse wurde hergestellt. Allerdings konnte eine Zuteilung von je 100 Gramm Steinbuscher Magerkäse nur einmal erfolgen. Bis zur Regelung über Lebensmittelkarten belieferten wir das Krankenhaus Treuenbrietzen mit Milch, Speisequark und Kochkäse. Da unsere Kellerräume noch nicht wieder funktionsfähig waren, stellte uns unsere Nachbarin Frau SCHENKE ihren Keller zur Lagerung des Käses zur Verfügung.
Die anfallende Buttermilch wurde in unserem Betrieb durch Frau Erna HASELOFF frei verkauft. Nach der Gründung der Konsumgenossenschaft in Treuenbrietzen, deren erster Vorsitzender Herr WOITHE war, übernahm der Konsum den Verkauf von Buttermilch und Molke. Dann begann die Lieferung von Milch an die Meiereizentrale Berlin. In 40-Liter-Kannen wurde die Milch durch Lastwagen abgeholt. Jetzt gab es keine freien Milchmengen mehr und man bekam auch unsere Erzeugnisse nur noch auf Lebensmittelmarken.

Auf die Verpackung kommt es an
Langsam stiegen die Milchlieferungen. Die Gemeinde Bardenitz/Pechüle lieferte ihre Milch noch an die Molkerei in Jüterbog. Ich sprach mit dem dortigen kommissarischen Leiter Georg HÖNICKE über die Umstellung der Milchlieferung an unsere Molkerei. Er lehnte ab. Erst nach einer Eingabe an die Landesregierung in Potsdam konnten die Bauern aus Bardenitz und Pechüle ihre Milch wieder in Treuenbrietzen abliefern. Damit hatte ich das Versprechen eingelöst, die genannten Ortschaften bis zum 50-jährigen Bestehen unserer Molkerei wieder an unsere Genossenschaft anzuschliessen. Die Gründungsurkunde stammt aus dem Jahre 1897. Die Molkerei war eine gerichtlich eingetragene Genossenschaft. Sie mußte jetzt einen neuen Vorstand und eine neue Revisionskommission wählen. Der Landwirt Erich MARSCH wurde zum Vorstandsvorsitzenden und der Landwirt Paul GESERICK zum Vorsitzenden der Revisionskommission gewählt. Beide waren in Treuenbrietzen wohnhaft.
Bald konnten wir auch Butter an andere Städte und Gemeinden liefern. Nun kam die Sorge um die Verpackung auf uns zu. In einem nicht bewachten ehemaligen Wehrmachtslager bei Klausdorf fanden wir, die wir immer auf der Suche nach Hilfsmitteln waren, leere eiserne Fallschirmbehälter und eine große Anzahl Bohlen von drei Meter Länge. Aus den Holzbohlen wurden Bretter für die Käselagerung geschnitten, die ungebrauchten Fallschirmbehälter dienten zur Verpackung der Butter. Pergamentpapier zum Auslegen der Behälter fanden wir verpackt unter den Trümmern auf dem Boden. Damit gab es an der Verpackung der Butter nichts mehr zu beanstanden.

Das Leben geht weiter
Im Juli 1945 nahm die Post in den Räumen der ehemaligen Bank für Landwirtschaft ihre Arbeit wieder auf, nachdem das Postamt im Krieg zerstört worden war. Die Volksbank, die später zur BHG-Bankabteilung wurde, ist nach Angaben von Paul LINDSTÄDT erst im Herbst 1946 eröffnet worden. Im Spätsommer 1945 wurde im Bürgergarten das erste demokratische Fest gefeiert. Dort habe ich auch zwei Vorstellungen mit dem Schauspieler Heinz RÜHMANN in dem Theaterstück „Der Mustergatte“ gesehen. Mein Stellvertreter Heinz WERNICKE hat das Kälberkombinat Treuenbrietzen aufgebaut, das später der LPG übergeben wurde.
Dankbar denke ich noch oft an die Zeit des Wiederaufbaus zurück, an den im Büro beschäftigten Fritz BOßDORF und all die jungen Damen, die unter Anleitung von Ingeborg DREHER wochenlang den vielen Schutt vom Boden, aus den Betriebs- und  Nebengebäuden und vom Hof beseitigt haben. Buttermilch als Getränk war das Einzige, was ich ihnen dafür bieten konnte. Lohn wurde damals nur wenig oder gar nicht gezahlt, und das bei einer 7-Tage-Arbeitswoche! Mit wenig Lebensmitteln waren die Aktivisten der allerersten Stunde noch zufrieden.

III. Der letzte Betriebsleiter
(Aus dem Brigadetagebuch von Wolfgang LÖWERT, Betriebsleiter der Molkerei von 1972 bis 1991)
Noch eine Modernisierung
1959/60 wurde die Butterei durch die Aufstellung eines Stahlbutterreinigers, zweier neuer Rahmreifer und einer Butterform- und Einwickelmaschine auf den damals neuesten Stand der Technik gebracht. Auch zwei neue Kühlmaschinen kamen zum Einsatz. Die Milchanlieferung hatte sich in den 60er Jahren auf über 20.000 Liter je Tag gesteigert. In dieser Zeit begann auch die Lieferung gekühlter Rohmilch an den Milchhof Berlin. Die Milch wurde in 12.000-Liter-Tank-Fahrzeugen nach Berlin gebracht. Dort wurde die  Milch verarbeitet und in Flaschen abgefüllt.
Ende der Selbständigkeit
1960 endete die Geschichte einer selbständigen Molkerei in Treuenbrietzen. Es erfolgte ein Zusammenschluß mit der Molkereigenossenschaft Jüterbog. Hinzu kamen noch die Molkereien Marzahna, Blönsdorf und Reinsdorf. Treuenbrietzen war jetzt ein Zweigbetrieb der Molkereigenossenschaft Jüterbog. Aus all den Betrieben wurde jetzt ein Vorstand und ein Aufsichtsrat für die vereinigten Molkereien gebildet. Der Zusammenschluß der Molkereien im Kreis Jüterbog verfolgte den Zweck, alles unter einem Dach zu haben und bei der Planung und Buchführung Arbeitskräfte einzusparen. So hatte jeder Kreis einen Hauptbetrieb mit Zweigbetrieben, wobei die Hauptbetriebe ihrerseits der „Vereinigung der Milch be- und verarbeitenden Betriebe“ des Bezirks Potsdam unterstanden.
Als ich im März 1972 die Leitung der Molkerei übernahm, waren wir noch ein gut funktionierender Vollbetrieb. Aber die Konzentration und Spezialisierung der Produktion kündigte sich schon an. Die Molkerei Niemegk erhielt eine moderne Speisequarklinie. Von dort aus wurde auch unser Einzugsgebiet mit Speisequark versorgt. Die Flaschenmilchversorgung übernahm die Molkerei Jüterbog. 1975 stellte die Molkerei Treuenbrietzen auch die Butterherstellung ein. Der anfallende Rahm wurde erst an das Butterwerk Rathenow, später an die neu eingerichtete Butterei Brandenburg verkauft. Wir waren nun zu einer „Rahmstation mit Rohmilchverkauf nach Berlin“ degradiert.
In Jüterbog nahm 1976 ein Milchtrockenwerk seine Produktion auf. Damit war das Ende unserer Molkereigenossenschaft besiegelt. Anfang Januar 1976 wurde in Treuenbrietzen die letzte Milch angenommen und verarbeitet. Nach dem Prinzip der „Kirchturmpolitik“ lieferte Treuenbrietzen seine Milch jetzt ebenso wie auch Rietz, Bardenitz, Pechüle und Lüdendorf an den Volkseigenen Betrieb „Trockenmilchwerk Jüterbog“. Niebel und Niebelhorst hatten nach Beelitz und Brachwitz, Nichel, Schlalach, Deutsch-Bork, Niederwerbig und Jeserig nach Brück im Kreis Belzig zu liefern.

Nur noch ein Käse-Reifungslager
Natürlich dachte man höheren Orts auch darüber nach, was aus der Molkerei in Treuenbrietzen werden sollte. So entstand der Gedanke, dieses Gebäude zu einem Käse-Reifungslager umzuprofilieren. Schnittkäse bildete in damaliger Zeit einen „Engpaß“. Käse ließ sich durch mehrmaliges Beschicken der Käsewannen mit Milch in größerem Umfang herstellen. Doch es fehlte an geeigneten Flächen für die mehrwöchige Reifung des Käses. Deshalb der Neuerungsvorschlag, in der Molkerei Treuenbrietzen ein Käse-Reifungslager einzurichten. Sofort nach Einstellung der Produktion wurde mit der Demontage aller Maschinen und Aggregate begonnen. So wurde Baufreiheit für das Einziehen einer Zwischendecke in der Butterei und Wasserversorgung geschaffen.
Es war ein Glücksfall, daß die ZBO Marzahna, Sitz Treuenbrietzen, unter der tatkräftigen Leitung von H. GRONEMEIER in Winterarbeit die Maurerarbeiten durchführte. Der gleiche Betrieb stellte auch die erforderlichen Reifungspaletten in der betriebseigenen  Zimmerei her. Die PGH Schlosser und Schmiede übernahm anfallende Schlosserarbeiten. Die Elektriker verlagerten die Elektroverteilung vom Wasserversorgungsraum nach oben, über den Butterkühlraum. Schon im Juli 1975 wurde das Käse-Reifungslager Treuenbrietzen seiner Bestimmung übergeben. Neben vier männlichen Arbeitskräften konnten vorerst vier ausgesuchte weibliche Beschäftigte aus der nichtarbeitenden Bevölkerung eingestellt werden. Die Arbeitszeit ging von 6 Uhr bis 12 Uhr.  So konnten wir es durchhalten, nur Frauen mit gutem Leumund einzustellen. Die Fluktuation war gering.
Den Rohkäse, „Grüne Ware“ genannt, bezogen wir aus Marzahna (Gouda), Märkisch-Buchholz (Gouda), Neustadt/Dosse (Edamer) und Brück (Tollenser, heute wieder: Tilsiter).Tollenser und Gouda kamen unverpackt und wurden naturgereift. Der Edamer aus Neustadt gelangte in Folie verpackt zu uns und reifte so ca. 5 bis 6 Wochen bei Temperaturen von 10 Grad C aus. Deshalb mußten die Reifungsräume immer gleichmäßig temperierbar sein. Dazu hatten wir im Winter den Dampfkessel in Betrieb und im Sommer 9 Raumkälte-Kühlmaschinen.

Der Käseabsatz rollt
Im Zeitalter der Planwirtschaft gab es niemals Absatzsorgen. Von der Milchvereinigung Potsdam wurden uns die Großhandelsgesellschaften mitgeteilt, die im jeweiligen Quartal zu beliefern waren. Mit dem Großhandel wurden Verträge abgeschlossen, aus denen die Menge, das Sortiment und die Lieferzeiten ersichtlich waren. Ein Problem war die Bereitstellung von Transportfahrzeugen über den VEB Kraftverkehr. Seit 1978 die Firma SPECHT in Marzahna einen Fuhrpark eröffnete, lief der Transport reibungslos. Unser Liefergebiet erstreckte sich bis Berlin, Dresden, Leipzig und Magdeburg.
Durch Erweiterung der Lagerflächen konnten wir immer mehr Käse aufnehmen. Da wir keine neuen Arbeitskräfte einstellen durften, stellten wir uns von naturgereiften auf foliengereiften Käse um. Zu diesem Zweck wurde eine Maschine angeschafft, mit der in Folie verpackter Käse durch Vakuum luftleer gemacht, verklippt (luftleer verschlossen) und in 95 Grad C heißes Wasser getaucht wurde. Bei diesem Vorgang schrumpfte die Folie an den Käse und verhinderte ein Anschimmeln.

Die Wende
Noch im ersten Quartal 1990 lief beim Käseabsatz alles nach Plan, wurden die Verträge von den GHG eingehalten. Ab zweitem Quartal aber wurden keine Verträge mehr abgeschlossen. Der Großhandel war vorsichtig geworden. Die Währungsumstellung zum 1.Juli stand bevor. Wir reagierten darauf, indem wir aus Neustadt und Märkisch-Buchholz keinen Käse mehr annahmen. Ab 1.Juli, mit dem Tage der Einführung der DM, blieben wir auf unserem Käse sitzen. Ca. 70 Tonnen lagen noch zur Reifung im Lager. In Eigeninitiative versuchten wir, uns durch Käseverkauf auf der Straße etwas Absatz zu verschaffen.
Ein Bayer gibt den Rest
Wie andere Betriebe der Milchwirtschaft suchten wir uns ein Unternehmen in Bayern, mit dem wir gemeinsam unseren Betrieb erhalten wollten. Uns wurde ein Unternehmensberater geschickt, der sich als „Schaumschläger“ erwies und nur Rosinen im Kopf hatte. Seine erste Amtshandlung war, daß er Knall und Fall 80 Mitarbeitern unseres Betriebes die Kündigung ins Haus flattern ließ, ohne vorherige Abstimmung mit den jeweiligen Betriebsleitern. In seiner Überheblichkeit stellte er den Straßenverkauf unserer Produkte ein. Nach drei Wochen erkannte er, daß er als Bayer auch keine bessere Idee hatte, als den Straßenverkauf wieder zu erlauben.
Im Oktober lieferten wir die letzten 20 Tonnen Gouda zum Preis von 3 DM für das Kilo nach Dänemark. Wahrscheinlich kamen sie dann als „Echter Dänischer Schnittkäse“ über die Supermärkte zu weitaus höheren Preisen zu uns zurück. Die Geschichte der Molkerei Treuenbrietzen und ihrer Genossenschaft aber war endgültig zu Ende, die letzten Mitarbeiter gingen den Weg in die Arbeitslosigkeit. Das stadtbildprägende ehemalige Molkerei-Gebäude an der Kreuzung zweier Bundesstraßen steht seitdem leer und wartet auf einen Investor, der es einem neuen Verwendungszweck zuführt.

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