Der Heimatfotograf Karl Reichhelm

Für manchen, der sich heute im Treuenbrietzener Umland und im Fläming mit Heimatgeschichte befasst und dazu historische Ansichten nutzen möchte, ist oftmals das fotografische Werk des damaligen Zahnarztes und Heimatforschers Karl Reichhelm aus Treuenbrietzen unumgänglich. Er war einer der ersten, die sich noch vor 1900 einen Fotoapparat leisteten. Reichhelm schuf damit unwiederbringliche Bilddokumente vor allem aus seiner Heimatstadt Treuenbrietzen. Diese kleinstädtischen Ansichten sollen jedoch nicht Gegenstand meiner Ausführungen sein.

Die Besonderheiten der Natur des Flämings waren für ihn ein wichtiges Betätigungsfeld. So z. B. erfasste und fotografierte er die Riesensteine und warb für ihren Erhalt. Viele dieser Zeugnisse der letzten großen Eiszeit gingen zuvor für die Verwendung als Baumaterial verloren. Auch fotografierte er zahlreiche Flämingrummeln in einem nahezu baum- bzw.  strauchlosen Zustand, was durch Beweiden erreicht wurde. Der Wanderer von heute kann nur mit Mühe nachvollziehen, dass diese Trockentäler durch gewaltige, immer wiederkehrende Regen- und Schmelzwassermassen in die hügelige Landschaft eingeschnitten wurden. Beide Themen waren – neben einem geschichtlichen Abriss der Stadt Treuenbrietzen – Grundlage für drei Aufsätze aus der Feder Karl Reichhelms im ersten „Kreiskalender für Zauch-Belzig“ im Jahre 1913.An dieser Stelle sei auf die enge Zusammenarbeit Reichhelms mit Gustav Steinhardt (Postrat a.D.) aus Treuenbrietzen hingewiesen, der 63-jährig am 22. September 1907 verstarb. Beide Herren waren neben zwei weiteren Treuenbrietzenern Mitglieder in der Gesellschaft für Heimatkunde und Heimatschutz der Provinz Brandenburg „„Brandenburgia“ mit gleichnamigem Monatsblatt. Postrat Steinhardt, wie man ihn zu nennen pflegte, hielt z. B. am 31. August 1902 anlässlich einer Wanderfahrt des Vereins nach Treuenbrietzen bei einem Abstecher nach Frohnsdorf in der dortigen „Alten Eiche“ einen Vortrag über Treuenbrietzen. Dieser wurde 1903 in der „Brandenburgia“ veröffentlicht. Im gleichen Heft findet sich außerdem ein Aufsatz Steinhardts über „Die Riesenblöcke bei Treuenbrietzen“, zu dem Karl Reichhelm die Fotoaufnahmen lieferte.
Durch die vielfältigen Kontakte Reichhelms in der Brandenburgia mit hervorragenden Volkskundlern, wie beispielsweise Robert Mielke, schärfte sich sein Blick auch für die Volkskunde. Er erkannte das starke Schwinden des traditionellen Brauchtums und hielt unter anderem die letzten noch vorhandenen bäuerlichen Trachten in den Dörfern um Treuenbrietzen und im Niederen Fläming im Bilde fest. Ebenso waren für ihn alte Bauernhäuser und –gehöfte in der traditionellen Fachwerkbauweise ein beliebtes Fotomotiv. Allein die Tatsache, dass heute nur noch vier der auf seinen zahlreichen Fotos abgebildeten Bauernhäuser existieren, verdeutlicht den dokumentarischen Wert seiner Aufnahmen. Für mich selbst als Bauernhausforscher und Sammler historischer Abbildungen zu diesem Thema war natürlich das Erstaunen groß, als ich unter den zahlreichen originalen Kontaktabzügen (ca. 16,5 x 12 cm) von Reichhelm, die der Treuenbrietzener Heimatfreund Paul Heppe in den 80er Jahren auf der Mülldeponie auf dem Treuenbrietzener Krähenberg sicherstellte, eine Abbildung des letzten Giebelhauses mit Vorspeicher in meinem Heimatort Linthe entdeckte.

Foto einfügen
Bauernhof in Linthe um 1900 –  links Speicherhaus von 1812
Sammlung: Wolfgang Beelitz, Linthe

Viele seiner Aufnahmen stellte Reichhelm dem Archiv der Brandenburgia und dem Märkischen Museum in Berlin zur Verfügung. Robert Mielke benutzte einige der Bauernhausfotos für seine Veröffentlichungen, wie zum Beispiel 1912 in der „Landeskunde der Provinz Brandenburg“ und in „Das schöne Dorf in deutschen Landen“ von 1925. Ebenso enthalten W. Köhlers „Brandenburgische Fahrten“ von 1922 einige Reichhelm-Fotografien.
Einen  interessanten Beleg der Vorgehensweise Reichhelms konnte ich vor einiger Zeit in Form einer alten Postkarte mit Ansichten aus dem Dorf Brachwitz erwerben.

Foto einfügen

Die an den Mühlenbesitzer Putz in Schlalach adressierte und am 29. August 1903 datierte Postkarte hat folgenden Wortlaut:
„Wehrter Herr Putz! Morgen, Sonntag Nachmittag, denke ich etwa um 3 Uhr zu Ihnen zu kommen, um die Aufnahmen der alten Trachten zu machen. Wollen Sie so gut sein, die beteiligten zu benachrichtigen. besten Gruß R.“ Hinter dem „R“ verbirgt sich kein anderer als Karl Reichhelm. Hier wird deutlich, dass er seine Trachtenfotos nicht so einfach zufällig zu machen vermochte. Das Tragen der Trachten war schon lange nicht mehr üblich. Er war bei der Organisation auf die Hilfe anderer angewiesen. Vermutlich nutzte der Zahnarzt die Kontakte zu den Kunden seiner Praxis, um Hinweise und Hilfe zu erhalten. Übrigens lagen in den 20er Jahren im Wartezimmer der Praxis Fotoalben mit seinen Arbeiten zur Ansicht.
An dem oben genannten Sonntagnachmittag entstanden auf und hinter dem Mühlenanwesen der Familie Putz in Schlalach mehrere Fotoaufnahmen von Trachtenträgern verschiedener Altersstufen. Unter ihnen befand sich auch das schon betagte Ehepaar Otto vom „Borker Ende“ in Schlalach in der Sonntagstracht. Um diesen Zeitraum dürften auch die Aufnahmen in Dietersdorf, Lühsdorf, Marzahna, Niebel und Niebelhorst entstanden sein. Das Foto mit der Festtagstracht aus Niebelhorst entstand offensichtlich als Nebenprodukt. Beim Ablichten eines Hofes in Niebelhorst steht die junge Trachtenträgerin in Alltagskleidung mit einer Harke in der Hand in Pose. Aus der Brandenburgia von 1904 erfahren wir, dass im August 1903 während einer Pflegschaftsfahrt des Vereins aus der Umgebung von Treuenbrietzen Trachten bzw. Teile von ihnen für den Ankauf durch das Märkische Museum ausgewählt wurden. Dem gleichen Heft ist folgendes zu entnehmen: „…Wie diese Volkstrachten (die angekauften, d.V.) sich auf dem lebenden Körper ausnehmen, zeigt eine Reihe photographischer Aufnahmen, die u. M. (unser Mitglied, d.V.) Dr. Reichhelm auf eigens dazu unternommenen Ausflügen angefertigt hat. Darunter befinden sich auch einige Trachtenbilder aus Dörfern des Niederen Fläming: Nieder-Görsdorf, Dennewitz, Danna und aus Ortschaften zwischen Jüterbog und Dahme…“.
Unter den Fotoaufnahmen Reichhelms befindet sich eine stattliche Anzahl mit Abbildungen von Dorfkirchen des Hohen Fläming und der Umgebung von Treuenbrietzen. Bemerkenswert ist eine meisterhafte Fotomontage aus etlichen seiner Trachtenfotos vor dem Hintergrund der Haseloffer Dorfkirche. Diese Aufnahme ist unter anderem abgebildet in seinem Beitrag „Die Volkstrachten im Zauch-Belziger Kreise“ im Kreis-Kalender von 1914. Sie ist betitelt mit: „Kirchgang der Fläminger“. Eine gerahmte Vergrößerung dieses Bildes hing bis zu dessen Schließung in der Gastwirtschaft des Heimatschriftstellers Dr. Artur Jänicke, dem früheren Hotel „Posthorn“ in der Treuenbrietzener Großstraße. Oft saß ich mit Schulfreunden nach dem Unterricht beim „Doktor“, wobei dieses Bild in der Ecke hinter dem Ofen des Gastraumes immer wieder mein Interesse weckte.
Karl Reichhelm veröffentlichte viele seiner Fotos auf Ansichtskarten im eigenen Verlag. Außer den Ansichten aus Treuenbrietzen waren es Gasthöfe der umliegenden Dörfer – oft kombiniert mit Straßenansichten und Kirche. Es entstanden aber auch Serien mit Findlingen und Rummeln, mit Bäumen und Wegen und natürlich mit „seinen“ Trachten – unter ihnen Karten mit mehreren Abbildungen zu einem Thema. Ob er auch Bauernhausfotos in dieser Form veröffentlichte, ist mir nicht bekannt.
Bei den meisten früheren Fotoaufnahmen aus der Region ist die Urheberschaft verständlicherweise nicht überliefert. Doch kann man wohl für die vielen Fotos mit natur- und volkskundlichen Themen auf Reichhelm als Autor schließen, auch wenn dies nicht durch Beschriftungen oder Veröffentlichungen gestützt ist. Besonders unter den Treuenbrietzener Heimatfreunden verstreut, aber auch im Heimatmuseum der Stadt, befinden sich zahlreiche Reichhelm-Aufnahmen – darunter auch originale Negativplatten aus Glas. Leider unterblieb bei der Herausgabe des Bildbandes „Treuenbrietzen – Ein märkisches Landstädtchen mit Geschichte“ von 1992 eine Würdigung des fotografischen Schaffens Reichhelms, der noch mit so vielen detailreichen Aufnahmen vertreten ist. An seine Verdienste als Mitbegründer und Vorsitzender des 1930 gegründeten Treuenbrietzener Heimatvereins und andere seiner Aktivitäten wurde natürlich seit seinem Tode immer wieder hinreichend erinnert. Schließlich erfolgte 1998 aus Anlass des 130. Geburtstages Reichhelms eine Fotoausstellung mit einer Auswahl von seltenen Originalabzügen im Heimatmuseum Treuenbrietzen.
Leider verhinderte sein plötzlicher Tod das Erscheinen eines Buches über die Findlingssteine im Fläming, für welches ein Bekannter Reichhelms schon den Text erstellt hatte. Der begonnene Krieg wird das seinige dazu beigetragen haben.
Karl Reichhelm starb am 29. Juli 1940 im Alter von 72 Jahren im Krankenhaus an einer Lungenentzündung und wurde am 1. August 1940 auf dem Treuenbrietzener Friedhof beigesetzt.

Benutzte Quellen:
–    Fotos und Ansichtskarten aus den Sammlungen des Treuenbrietzener Heimatmuseums, des Herrn Paul Heppe (Treuenbrietzen) und des Verfassers
–    „Brandenburgia.“ Monatsblatt der Gesellschaft für Heimatkunde der Provinz Brandenburg und Berlin, 1902/03 u. 1904
–    Landeskunde der Provinz Brandenburg, 3. Band, Berlin 1912
–    Kreiskalender für Zauch-Belzig, 1913 u. 1914
–    Werner Köhler, Brandenburgische Fahrten, 1. Band, Berlin 1922
–    Robert Mielke, Das schöne Dorf in deutschen Landen, Leipzig 1925
–    Treuenbrietzener Heimatblätter, 1930 u. 1931
–    Kirchenbuch der evangelischen Kirchgemeinde Treuenbrietzen
–    Oskar Brachwitz, Zauche- und Fläming-Heimat, Nr. 18/1940
–    Freundliche Hinweise von Herrn Wolfgang Ucksche (Leiter des Heimatmuseums Treuenbrietzen)

Geschrieben von Wolfgang Beelitz, Linthe
Erschienen in den Treuenbrietzener Nachrichten vom 05.05.2000

Gib Deine Meinung ab!

Dein Kommentar