Zum 100. Geburtstag des Dichters und Schriftstellers Dr. Artur Jaenicke

Was für ein Mensch war der Dichter und Schriftsteller Artur Jaenicke, der vor 100 Jahren in Treuenbrietzen geboren wurde? Ortschronist Helmut VORKASTNER erzählt über ihn: „Artur Jaenicke war ein Mann der Kirche. Er war ein offener Mensch und konnte sehr lustig sein.“ (3) Von den Treuenbrietzenern wurde er liebevoll „der Doktor“ genannt. Unter den Kindern hieß es nur: „Wir gehen zum Doktor, Brause trinken!“ Dann kratzten sie ihre letzten 10 Pfennige zusammen und sagten: „Ein Glas Brause bitte!“. Artur Jaenicke blickte ernst vom Tresen seiner Gaststätte herab, erst auf das Geld, dann auf den Jungen: „Dafür kann ich Dir das Glas aber nicht ganz voll machen.“ Dann lächelte er verschmitzt und füllte es doch bis oben hin. Er liebte eben die Kinder.

Manchmal nutzten sie seine Gutmütigkeit aber auch aus. So klingelte es eines Morgens gegen drei Uhr an seiner Haustür.Schlaftrunken ging er hinunter, es war niemand zu sehen. Zwanzig Minuten später das gleiche Spiel, wieder war niemand auf der Straße. Na wartet, dachte er bei sich, ich kenn doch meine Pappenheimer! Am nächsten Tag knöpfte er sich die Jungen vor, und sie gestanden sehr schnell die Tat. Daraufhin machte er ihnen einen Vorschlag: „Wenn Ihr mir helft, eine gute Tat für die Kirche zu vollbringen, dann zeige ich Euch nicht an.“ Sie waren einverstanden. Gemeinsam holten sie einen schweren Feldstein aus der Rietzer Gegend. Sie legten ihn vor der Marienkirche auf einen Sockel, der zuvor von einem Maurer in freiwilliger Arbeit angefertigt worden war. Der Stein steht heute noch dort und erinnert mit seiner Inschrift an den in Treuenbrietzen geborenen Reformator Martin CHEMNITZ. (1522-1586). Literarisch verarbeitet kann diese Geschichte in seinem Buch „Das heitere Haus“ nachgelesen werden.
Selbst für Gerechtigkeit zu sorgen, wo immer es ihm möglich war, lag im Wesen Artur Jaenickes. Eines Nachts betrat der Stadtpolizist sein „Posthorn“ und rief: „Polizeistunde!“ Freundlich fasste man ihn am Arm, geleitete ihn höflich zur Tür und Jaenicke sagte ihm zum Abschied noch: „Hier bestimme ich, wann Polizeistunde ist!“ (4)
Am 07.September 1900 wurde Artur Jaenicke in Treuenbrietzen als Sohn eines Gastwirts, Hoteliers und Landwirts geboren. Seine Vorfahren waren 1726 aus Ziesar nach Treuenbrietzen übergesiedelt. Er besuchte drei Jahre die Schule in Treuenbrietzen und ging dann nach Zerbst, wo er am humanistischen Gymnasium das Abitur ablegte. Danach diente er als Rekrut in Magdeburg. Nach dem Ersten Weltkrieg studierte er in Halle Philosophie und Volkswirtschaft. Er schloß das Studium mit einer Abhandlung über „Die Neuordnung der Pachtzahlung als volkswirtschaftliches Problem“ und dem Grad eines Dr. rer. pol. ab.
1925 übernahm er vom Vater die Landwirtschaft und das in der Großstraße 13 gelegene Hotel „Zum Posthorn“, das er bis 1973 führte. Nebenbei war er als beratender Volkswirt tätig. Im Zweiten Weltkrieg nahm er als Soldat am Polenfeldzug teil. Er starb am 29.April 1994 in einem Rostocker Pflegeheim. (3)
Als Gastwirt schrieb Artur JAENICKE seine Bücher nebenbei. „Verschmitzt sprach er davon, wie er an der Theke immer Schreibzeug zur Hand hatte. Zwischen den Bestellungen der Gäste war er selbst spät abends dort eifrig beim Schreiben, der Betrieb in der Gaststube und die Unterbrechungen störten ihn nicht im geringsten.“ (1)
Artur JAENICKE schrieb mehr als 25 Bücher, die meisten erschienen in der Evangelischen Verlagsbuchhandlung Berlin. Neben Gedichten sind es biographische und kulturhistorische Erzählungen sowie heiter-besinnliche Skizzen aus dem Kleinstadtleben.
„Zu seinem Gedichtband ‚Singende Erde‘ (1933) erhielt Jaenicke einen wohlwollenden Brief des seinerzeit bekannten flämischen Dichters Felix TIMMERMANS, der die Gedichte als ‚kleine Perlen‘ bezeichnete und hinzufügte, er habe gar nicht gewußt, daß es ‚een kleen Vlaandern en Duitschland‘ gibt, und das erst durch dieses Buch erfahren.“ (1)
Zu Jaenickes bekanntesten Werken zählen die biographischen Skizzen „Bettina in Wiepersdorf“, die 1949 als Serie in der Potsdamer Zeitung „Tagespost“ erschienen. „Der reine Klang“ ist eine 1957 veröffentlichte Erzählung über den märkischen Orgelbauer Joachim WAGNER, der auch in Treuenbrietzen Spuren seiner Kunst hinterlassen hat. Auch einem Treuenbrietzener Orgelbauer hat Jaenicke eine liebevolle Erzählung gewidmet: „Tobias Turley bäckt Semmeln und baut Orgeln“.
„Der Ausflug“ (1961), „Eine handvoll Glück“ (1967) und „Die Kinderkule“ (1971) berichten über Erlebnisse mit seinen Enkeln. Der Autor figuriert darin als Hotelier Hans Gottschalk, der nie die Radfahrklammern abnimmt, der immer bereit ist, auf seinen „Feurigen Elias“ zu springen und davonzuradeln. Ein andermal ist er der Rentner Fitz Frödemann, dessen größtes Vergnügen es ist, den vielbeschäftigten Kindern die Enkel abzunehmen, um mit ihnen durch die Kleinstadt „Trechmühlen“ und die umliegenden Felder und Wälder zu streifen.
„Kirchen auf dem Fläming“ (1964) ist ein Bildband, dem er schöne Verse beigab. Die Fotos zu diesem Bildband stammen von seinem jahrzehntelangen Freund, dem Treuenbrietzener Schneidermeister Gerhard WITT. (1)
Weitere Veröffentlichungen sind „Marienhaide – Roman einer Landschaft“ (1934) und „Der Feuerstrauch – Roman aus dem Fläming“ (1934). Darin beschreibt Artur Jaenicke auch Brauchtum und Tradition der flämischen Siedler, die im 12.Jhd. hierher gekommen waren. Es folgen der Gedichtband „Flämingharfe“ (1937), „Wir wandern über den Fläming – Gedicht und Gesicht einer Landschaft“ (1938) und „Der Ulmenhof“, ein märkischer Roman aus dem Dreißigjährigen Krieg, erschienen in der Zeitung „Märkische Union“ zwischen dem 05.März und dem 23.Mai1953. „Der fröhliche Fläming – Schnurren und Schwieten“ ist Jaenicke’s letzte Veröffentlichung. Sie erschien 1991 im Heimatkalender für den Kreis Jüterbog. „Peter Reinkes fröhliche Lebensfahrt“ ist als Manuskript abgeschlossen, blieb aber unveröffentlicht. (3)

Zusammengestellt von: Ernst-Peter Rabenhorst
Erschienen in den Treuenbrietzener Nachrichten vom 8.9.2000

Quellen:
1.    BURKHARDT, Albert: „Flämingdichter Artur Jaenicke verstorben“, in: Mitteilungsblatt Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V., Nr.3, September 1994. (1)
2.    BURKHARDT, Albert: „Der dichtende ‚Doktor‘ aus Treuenbrietzen“, in: Märkische Oderzeitung, Beilage, 15.07.1995. (2)
3.    „Artur Jaenicke ist tot“, in: Märkische Allgemeine Zeitung vom 05.05.1994. (3)
4.    Helmut VORKASTNER, Mündliche Berichte (4)

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