Die Lutherlinde

Marienkirche mit Lutherlinde

Marienkirche mit Lutherlinde

Die Linde ist seit Alters her ein heiliger Baum. Sie war der Sage nach einst Freya, der Gattin der obersten germanischen Gottheit Wodan, geweiht. Um sich ihres Schutzes zu versichern, pflanzte man eine Linde im Mittelpunkt des Ortes. Dort traf man sich zu wichtigen Beratungen, aber auch zu fröhlichem Tanze.

Auch die Lutherlinde in Treuenbrietzen steht an einem markanten Platz. Jahrhundertelang begrüßte sie von ihrem festen Standort neben der Marienkirche als erste die Besucher, die durch das Berliner Tor die Stadt betraten. Und wer Treuenbrietzen in östlicher Richtung verließ, konnte noch einen letzten Blick auf die Linde und die von ihr fast verborgene Kirche werfen., ehe er jenseits der Stadtmauern seine Reise auf holprigen Sandwegen fortsetzte.

Legenden ranken sich um die Geschichte ihrer Jugendjahre. Martin LUTHER, der große Reformator aus dem benachbarten Wittenberg, soll unter ihr gepredigt haben, nachdem die Katholischen ihm den Zutritt zur Marienkirche verweigert hatten. Aber hat Luther wirklich unter freiem Himmel gepredigt? Hat er damals die sächsische Grenze überschritten und sich ins Brandenburgische gewagt? Eine andere Legende besagt, dass der letzte katholische Priester nach seiner Vertreibung aus der Marienkirche im Schutze der Linde über die Kirchofsmauer entkommen sei. Wieder andere wollten wissen, dass unter der Linde das „Bild der Mutter Gottes von Treuenbrietzen“ gestanden habe.

Wie dem auch sei, die Linde, die im Volksmund den Namen Lutherlinde erhalten hat, weiß es genauer. Aber wir verstehen ihre Sprache nicht, nicht das Rauschen ihrer Blätter, das Knarren ihrer Äste, den Duft ihrer Blüten. Historisch belegt ist nur, dass der erste evangelische Stadtpfarrer Johann BÖHME 1537 mit einem persönlichen Empfehlungsschreiben von Martin Luther in Treuenbrietzen eintraf und unter der Linde hindurchschritt, um sein Amt in der Marienkirche auszuüben. Nicht unerwähnt bleiben soll hier, dass es Martin CHEMNITZ (1522-1586) war, ein Sohn unserer Stadt, der von Braunschweig aus mit seinen Schriften die Lehren Luthers vertieft und verteidigt hat. Sein Gedenkstein wirkt gleichsam wie ein Verbindungsglied zwischen Lutherlinde und Marienkirche.

Als PISCHON 1871 seine Stadtchronik veröffentlichte, war die Lutherlinde bereits „ein teilweise abgestorbener Baum an der Kirchhofsmauer von St. Marien“. Vieles war in Veränderung begriffen. Das Berliner Tor musste weichen, um einer modernen Fernverkehrsstraße Platz zu machen. Der Kirchhof an der Marienkirche verschwand und mit ihm die Friedhofsmauer. Der Kirchenvorplatz wurde mehrfach umgestaltet. Doch die Lutherlinde überlebte – gealtert, von Krankheiten gezeichnet, aber immer noch fest verwurzelt und stadtbildprägend. Lebendiger Zeuge des mittelalterlichen Treuenbrietzen. 1936 unternahm man einen groß angelegten Rettungsversuch, um den durch Natur und Mensch bedingten Verfallsprozess zu verlangsamen. Der gerissene und im Innern hohle Stamm wurde ausgemauert. Schmiedemeister BANZ legte Eisenringe um den Stamm und stellte Stützen unter die mächtigen Hauptäste.
Doch der Alterungsprozess ging weiter. Noch zu DDR-Zeiten wurde 1983 aus sicherheitstechnischen Gründen der Schutzstatus als Naturdenkmal vom Rat des Kreises Jüterbog gelöscht. Nach der Wende keimt neue Hoffnung, Denkmalschutz und Heimatverbundenheit erhalten eine höhere Wertschätzung. Bürgermeister WERNER fordert 1993 vom Landratsamt Jüterbog die erneute Unterschutzstellung der Lutherlinde als Naturdenkmal. Ein Gutachten des „Berliner Baumdienstes“ gibt der Stadt Rückendeckung für ihren kostenaufwendigen Versuch, das Überleben der Lutherlinde, wenn auch mit radikalen Einschnitten, zu sichern. Die Lindenkrone wird um 60% eingekürzt, die Eisenringe werden unter Zurücklassung tiefer Narben vom Hauptstamm entfernt. Die Betonreste im Hohlraum des Stammes werden bis auf einen Sockel entfernt, der Rest wird mit Lehm verfüllt. Die alten Stützen bleiben, Seile halten die Äste zusammen. Die Linde grünt weiter, treibt von innen neue Wurzeln.

Keine sieben Jahre sind seither vergangen, da überrascht ein neues Gutachten, diesmal von einer Schulzendorfer Firma verfasst, die Bürger unserer Stadt. Es endet mit einem vernichtenden Urteil über die Lutherlinde: „Aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht ist eine sofortige Fällung durchzuführen.“ Vom Auftraggeber des Gutachtens, der noch 1993 „eine Sanierung dieses, besonders aus heimatkundlicher Sicht, wertvollen Baumes“ befürwortet hatte, wird lapidar ergänzt: „Die Untere Naturschutzbehörde wird somit auch die Ausweisung des Baumes als Naturdenkmal nicht weiter betreiben“. Die Entscheidung über das Schicksal der Lutherlinde liegt nun nur noch bei den Treuenbrietzener Bürgern selbst. Sie bestimmen jetzt darüber, ob sie das Todesurteil für die Lutherlinde hinnehmen wollen oder nicht.

Nachsatz: Der Linde ist ein deutscher Naturkalender für das Jahr 2000 gewidmet. Er zeigt auf der Seite für den Monat Oktober ein Bild mit der Lutherlinde von Treuenbrietzen. Im Begleittext dazu heißt es u.a.: „15 Schritte von der Marienkirche entfernt steht eine stattliche alte Linde. In dieser Nachbarschaft zogen 600 Jahre Kirchengeschichte und deren Protagonisten an ihr vorüber…Der gütige Schatten der ehrwürdigen Linde ließ sie alle gewähren und unterlief manchen Missionierungseifer mit unbekümmertem Blätterrauschen“.

Ernst-Peter Rabenhorst
Erschienen in den Treuenbrietzener Nachrichten vom 6.10.2000

2 Kommentare

Pecky KustofDonnerstag, 3. Februar 2011 um 21:36

Ich merke jetzt in diesem Moment, dass ich http://www.heimatverein-treuenbrietzen.de deutlich haufiger besuchen sollte – da komme ich echt auf krasse Ideen

Marianne DiedrichsDonnerstag, 5. Januar 2012 um 23:43

Ich bin auch ein trbrtzner Kind und habe Eure Seite heute entdeckt. Es hat mich sehr berührt,soviel Wissenswertes zu lesen.Die Linde habe ich als Kind jeden Tag zur Schule gesehen,auch die Eulen aus dem Baum. ich habe mir damals keine Gedanken über ihr Alter gemacht. ich denke,die Linde gehört zu Treuenbrietzen wie das Sabinchen dazu. Ich Wünsche mir, daß ich noch vieles mehr über eure Nachforschungen,auch über Bürger der Stadt, lesen kann. Wie wäre es mit der Gaststätte das schmale Handtuch?

Gib Deine Meinung ab!

Dein Kommentar