Der erste Stadtführer von 1930

Bereits vor 70 Jahren brachte der Heimatverein Treuenbrietzen seinen ersten Stadtführer heraus. Um einen Vergleich zur heutigen Zeit herzustellen, möchten wir einige Auszüge daraus veröffentlichen:

Allgemeines über die Stadt – Verkehrsverbindungen – Sanitäre Einrichtungen
Treuenbrietzen (Kreis Zauch-Belzig, Reg.-Bez. Potsdam) liegt am nördlichen Abhange des Fläming-Höhenzuges an dem forellenreichen Nieplitz-Flüßchen, welches bei Frohnsdorf entspringt und in die Nuthe mündet.

Die Stadt liegt an der großen Auto-Verkehrsstraße Berlin-Potsdam-Wittenberg-Leipzig, welche sich hier mit der Straße Brandenburg-Belzig-Jüterbog-Dresden kreuzt.
Die Entfernungen betragen bis Potsdam 36 km, Berlin 74, Wittenberg 32, Belzig 23, Jüterbog 20, Leipzig 120, Halle 100 km.

Die Stadt hat zwei Bahnhöfe, den Reichsbahnhof und den Städtebahnhof.
Vom Reichsbahnhof verkehren täglich 6 Züge in Richtung Beelitz-Wildpark mit Anschluß an die Vorortzüge Berlin und die Fernzüge nach Brandenburg; ferner nach Jüterbog 7 Züge mit Anschluß an die Personenzüge Richtung Luckenwalde-Berlin, Wittenberg, Falkenberg-Dresden, Zossen und Dahme.
Vom Städtebahnhof gehen täglich 3 Züge in Richtung Belzig mit Anschluß nach Brandenburg a.H. und Güsten.

Der hiesige Stadt- und Land-Verkehrsring, der von privater Seite im vergangenen Jahre gegründet wurde, erschließt die nähere und weitere Umgebung unserer Stadt durch seinen regelmäßig an bestimmten Wochentagen ab Marktplatz verkehrenden Kraftomnibus.

Weitere Verkehrsmöglichkeit mit dem Fläming wurde durch die Kraftwagen-Verkehrslinie Zahna-Kropstädt-Marzahna-Treuenbrietzen geschaffen. Haltestelle in Treuenbrietzen Gasthof „Stadt Wittenberg“ (Baatz), Großstraße, Fahrplan daselbst.
Die Stadt hatte 1930 einschl. der Landesanstalt ca. 6.100 zumeist evangelische Einwohner, sie ist Sitz eines Amtsgerichtes (im Rathausgebäude) und eines Postamtes II. Klasse (am Markt).

Der Ort wurde seit ca. 20 Jahren mit elektrischem Licht und elektrischer Kraft (Gleichstrom) aus eigenem Kraftwerk versorgt, welches die Stadtverwaltung 1929 an die Überlandzentrale Spandau verkaufte, um den Einwohnern billigeren Strom zu verschaffen.

Seit 1907 besitzt die Stadt moderne Kanalisation und Wasserleitung. Das Wasser dieser städtischen Wasserleitung stammt aus artesischen Triefbrunnen; es wird enteisenet und ist von hervorragender Beschaffenheit.
Die Stadt ist Auto-Hilfsstation für Autoverkehr. Unfallmeldestellen sind eingerichtet bei:

Petri & Söhne, Großstraße, Fernsprecher 265
H. Randhahn, Großstraße  Fernsprecher 269
H. Wolter, Berliner Straße  Fernsprecher 352
C. Brasse, Rietz   Fernsprecher 384.

Außerdem sind am Platze 3 Ärzte wohnhaft, von welchen auch sonntags einer ständig bei Unfällen telefonisch zu erreichen ist. Die freiwillige Sanitätskolonne ist bei Unfällen stets hilfsbereit.

Treuenbrietzen kann heute mit Recht als eine der gesündesten und saubersten Städte der Mark bezeichnet werden.
Lehmann-Hellberg

Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle
Die Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle wurde am 1. November 1905 als Lehranstalt der Landwirtschaftskammer für die Provinz Brandenburg und für Berlin gegründet. Sie ist eine der ältesten der landwirtschaftlichen Lehranstalten der Provinz Brandenburg.
Ihre Aufgabe besteht darin, junge Landwirte fachlich und persönlich so auszubilden, daß sie den heutigen hohen Anforderungen, die an den Leiter eines landwirtschaftlichen Betriebes gestellt werden, gewachsen sind. Die Unterrichtsdauer beträgt zwei Winterhalbjahre.
Außerdem besteht an der Landwirtschaftsschule eine Mädchenklasse, in der alle diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt werden, die zur Führung eines landwirtschaftlichen Haushaltes notwendig sind.
Der Lehrkörper der Anstalt besteht außer zwei Fachlehrkräften und einer Lehrerin der landwirtschaftlichen Haushaltungskunde, aus einem nebenamtlich tätigen Tierarzt, Arzt, Geistlichen, Versuchsleiter, Oberförster, Rentmeister, Herren der hiesigen Buchstelle und anderen Schulen.
Außerdem übt die Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle Treuenbrietzen als Außendienststelle der Landwirtschaftskammer die landwirtschaftliche Verwaltungs- und Beratungstätigkeit für den Kreis Zauch-Berlzig aus.
Das Schulgebäude befindet sich in der Berliner Straße.
Hennenberg, Direktor

Schulwesen
1. Vollberechtigte Mittelschule (in der Burgwallstr.). 6 Klassen für Knaben und Mädchen. Kollegium: Rektor, 5 Lehrer, 1 Lehrerin, außerdem 4 nebenamtliche Schulkräfte. Es wird nach Plan V gearbeitet, der jederzeit einen Übergang der Schüler und Schülerinnen zur Staatlichen Schillerschule in Jüterbog (Realgymnasium und Realschule in der Entwicklung zum Reformrealgymnasium VI-OII), ebenfalls auch eine Umschulung zum Oberlyzeum ermöglicht.
2. Volksschule (an der Marienkirche). 7 Knaben- und 7 Mädchenklassen, außerdem von Ostern 1930 ab eine Hilfschulklasse.
3. Berufsschule. 8 Klassen. Daran arbeiten 8 Lehrkräfte. Der Rektor der Volksschule ist gleichzeitig Lehrer der Berufsschule.

Die Jugendherberge
In dem großen deutschen Jugendherbergsnetz ist auch unsere Stadt mit einer schönen Jugendherberge vertreten. Das schmucke Heim liegt in der Nähe der ehrwürdigen Marienkirche auf dem Grundstück des Stadthauses, wo auch Turnhalle und Kinderhort untergebracht sind. Die Herberge besteht aus Küche (Tagraum) und 2 Schlafräumen mit insgesamt 40 Bettstellen und gewährt den jugendlichen Wanderscharen Unterkunft und Erholung. Wenn auch jetzt Treuenbrietzen als eigentliches Wanderziel schon mehr in Frage kommt, so ist die Herberge doch außerdem noch eine sehr besuchte Durchgangsstation, die beitragen will, daß die beseligende Freude des Wanderns der deutschen Jugend erhalten bleibe. Frohsinn, Gesang und Lautenklang haben in der Herberge Heimatrecht.

Wer sich mit schweren Sorgen plagt,
an wessen Herz ein Kummer nagt,
und wer sich krank und elend glaubt,
und wem die Seele vollgestaubt,
der nehme seinen Wanderstag
und zieh‘ die Welt bergauf, bergab!
Hinaus, hinaus aus deinem Nest!
Das Wandern ist das allerbest.
G. Böllnitz

Landwirtschaft, Industrie, Handel und Gewerbe
Treuenbrietzen ist von einem Gürtel von etwa 20.000 Morgen=5.000 ha Ackerland und etwa 9.500-10.000 Morgen=2.500 ha Forst, zumeist in städtischem Besitz, umgeben, so daß der Charakter der Stadt als „Ackerstadt“ schon durch diese Tatsache gekennzeichnet wird.

In der nächsten Umgebung der Stadt ist der Boden sehr fruchtbar, teilweise auch feucht, so daß er sich vorzüglich für den Klein-Gemüseanbau eignet. Fast jedes Haus besitzt einen solchen „Hausgarten“, in welchem der Bedarf an Kartoffeln und Gemüse selbst angebaut wird. Die weitere Umgebung besteht aus Ackergelände in allen Verschiedenheiten. Guter Lehmboden bis zum trockensten Sand – alles ist in den umliegenden Feldmarken vertreten. Die Hauptfeldfrüchte, die auf diesem Boden angebaut werden, sind Roggen, Kartoffeln und neuerdings auch Spargel in zunehmendem Maße. Größere Wiesenflächen dehnen sich östlich der Stadt im „Zarth“ und der sogenannten „Freiheit“ aus.

Die Torflage, welche sich in großer Menge auf der „Freiheit“ befinden, werden wegen der Nähe der Braunkohlenfelder nicht mehr abgebaut.
Infolge der großen Wiesenflächen hat die Viehzucht in der Stadt und in den umliegenden Dörfern eine große Ausdehnung angenommen. In eigener Molkerei-Genossenschaft werden täglich 17-18.000 Liter Milch zu vorzüglicher Butter verarbeitet, die weit und breit begehrt wird. Die Landwirtschaft beliefert die umliegenden Großstädte, insbesondere Berlin, mit großen Mengen Schlachtvieh, so daß das Schlächtergewerbe hier in der Stadt eine ziemliche Bedeutung erlangt hat. Auch die übrigen Kleingewerbebetriebe, welche jetzt fast sämtlich mit elektrischer Antriebskraft arbeiten, wie Tischlereien, das Stellmacher- und Schmiedegewerbe usw. erfreuen sich guter Kundschaft besonders vom Lande. Großbetriebe sind nur drei vorhanden. Die Papierfabrik, eine der ältesten der Mark, steht zur Zeit still. Zwei Metallwarenfabriken sind im Aufblühen, zwei Wassermühlen und zwei Holländer-Windmühlen versorgen die Stadt und ihre Umgebung mit Mehl.

Auch eine Rohkonservenfabrik ist vertreten, welche große Mengen Weißkohl und Gurken teils selbst anbaut, teils aus dem nahen Havelland bezieht und zu „Sauerkraut“ und sauren Gurken umwandelt. Nicht unerwähnt darf die Abteilung „Fischfutterfabrikation“ für Karpfen in dieser Fabrik bleiben, die viele Tausend Zentner Lupinen zu „Lupiscin“ verarbeitet und nach allen Gegenden Deutschlands verfrachtet.
Auf diesem Grundstück befindet sich auch die Hellberg-Quelle, eine artesische Kalk-Magnesia-Eisen-Quelle von vorzüglichem Geschmack und einer Ergiebigkeit von etwa 150.000 Liter den Tag.

Eine ziemliche Bedeutung hat die Pantinenfabrikation erlangt, die durch einen größeren Betrieb und zahlreiche mittlere und kleinere vertreten ist, und ihre Erzeugnisse weithin versendet.

Erwähnenswert ist noch eine Dampfziegelei, eine landwirtschaftliche Maschinenfabrik, beide in der Leipziger Straße, sowie eine Reparaturwerkstätte für landwirtschaftliche Maschinen am Markt und eine Dampfschneidemühle.

Zahlreiche Gaststätten und 4 Hotels sorgen für das leibliche Wohl der von Jahr zu Jahr immer größer werdenden Anzahl Treuenbrietzen besuchender Fremden.
Begünstigt durch die Lage und die Landwirtschaft hat sich hierorts ein sehr lebhafter Handel mit allen landwirtschaftlichen Produkten herausgebildet. Roggen, Kartoffeln, Obst, selbst Eier werden in großen Mengen erzeugt und durch den Handel in den weiteren Verkehr gebracht. Wie überall in der Nähe der Großstädte haben sich auch hier 3 Hühnerfarmen aufgetan, von denen die größte bereits einen Bestand von 5.000 Hühnern hat und Eier und Schlachtgeflügel in großen Mengen hervorbringt.

Lehmann-Hellberg

1 Kommentar

H.Herden, 39110 MagdeburgMittwoch, 3. September 2008 um 09:39

Aus dem Nachlass der Familie Bühle Großstr.59
haben wir noch ein Original „Führer durch das
1000jährige Treuenbrietzen“ von 1930.Desweiteren eine Festschrift zur 500jährigen
Jubelfeier der Schützengilde zu Treuenbrietzen(Nr.80).v. Juni 1924.
Gibt es dafür Interessenten?
M.f.G.H.Herden / Fu.01727598163

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