Ein dunkles Kapitel der Treuenbrietzener Geschichte

Die Ereignisse am Kriegsende in Treuenbrietzen bewegen seit 55 Jahren die Familien, die Tote zu beklagen haben, die nicht an den kriegerischen Auseinandersetzungen teilnahmen und als Zivilpersonen willkürlich getötet wurden. Die Familienangehörigen trauerten um sie, sie mussten den Verlust verschmerzen lernen. Aber am schwersten war es für sie, dass der Tod so sinnlos erschien und das Geschehen am 23. April 1945 zu einem Tabuthema geworden war. – Auch nach so langer Zeit ist es nicht leicht, sich dazu zu äußern, aber Tatsachen und Geschehnisse sollten nicht in Vergessenheit geraten. Sie sprechen für sich.

Im dramatischen Gedicht “Nathan der Weise” von G. E. Lessing sagt Nathan zu Saladin (3. Aufzug, 7. Auftritt):
“…Und Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
    Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –
    Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn
    Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?…”

Für die Kriegskinder und die später Geborenen ist das Kriegsende Geschichte, die von den “Seinen” übermittelt werden sollte. Aber ich fand heraus, dass die Zeitzeugen ihre Kinder nicht belasten wollten. Sie vermieden es häufig, darüber zu reden. Sie fürchteten auch, dass unbedachte Äußerungen der Kinder sie alle in Schwierigkeiten bringen würden. So kann es vorkommen, dass Kinder und Enkelkinder weniger wissen als Nachbarn, Verwandte oder Bekannte, die 1945 erwachsen waren und in einigen Jahren nichts mehr erzählen können. Wie werden dann die geschichtlichen Ereignisse vermittelt werden? Wie wird später die historische Wahrheit interpretiert?
Das “Zahlenspiel” um die Toten gefällt mir nicht. Es waren jedenfalls sehr viele Tote. Jeder war ein Mensch, der zu einer Familie gehörte. Außerdem lässt sich die Zahl der Getöteten nicht genau feststellen, da die Unterlagen nicht vollständig erhalten sind. Im hiesigen Standesamt existierte in den ersten Nachkriegsjahren eine Liste mit den Namen aller Kriegsopfer.
Der Toten zu gedenken und ihr Andenken zu wahren, das oblag den Familienangehörigen und der evangelischen Kirchengemeinde. Am Totensonntag im November wurden im Triftfriedhof und im Friedhof in der Berliner Siedlung Gedenkgottesdienste abgehalten. Dort war es allerdings nach 1970 nicht mehr möglich, weil das Kirchengelände zur Schuttablage verkam und im Grundbuch als Gartengelände bezeichnet worden war, obwohl hier 62 Kriegstote bestattet waren. Die Proteste und die schriftlichen und mündlichen Auseinandersetzungen seitens des hiesigen Pfarramtes (Gelände ist Kircheneigentum) mit den Behörden blieben erfolglos. Der Friedhof verwahrloste. Die Ruhestätte der 56 Treuenbrietzener Zivilisten, der fünf unbekannten Zivilisten und eines deutschen Soldaten wurde ignoriert. Nach 1989 konnte die Eintragung im Grundbuch geändert werden und das Gelände wieder als Friedhof bzw. als Gedenksktätte eingerichtet werden.
Die Toten aus dem Stadtgebiet fanden vor dem 8. Mai 1945 ihre letzte Ruhe am Triftweg im Garten der Familie des Arztes Dr. Paul Moeller. Die Treuenbrietzener Männer, die zu dieser Zeit für die sowjetische Kommandantur in der Breiten Straße arbeiten mussten – ein Bruder meiner Mutter gehörte zu ihnen, trugen die Toten zusammen. In den Außenbezirken jedoch wurden einige der erschossenen Zivilisten erst einmal in ihren Hausgärten oder auf ihrem Grundstück bestattet. Da viele Einwohner ihr Zuhause überstürzt verlassen hatten, wussten die Nachbarn nichts voneinander. Deshalb konnten Tote mehr als zwei Wochen unentdeckt bleiben. Es wurde angenommen, die Nachbarn hätten die Heimkehr verzögert.
So glaubten auch wir, als wir aus Bardenitz zurückgekommen waren, dass die Familie Meißner noch unterwegs wäre. Zufällig bemerkten Dähnes beim Kiesholen die vier Erschossenen hinter dem Gehöft. Das Ehepaar Dähne und meine Eltern begruben sie an Ort und Stelle. Alle die in ihren Hausgärten oder auf ihren Grundstücken bestattet worden waren, fanden später nach ihrer Umbettung ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in der Belziger Straße.
An den vier Seiten des Quaders auf dem Triftfriedhof, so wurde der ehemalige Garten dann genannt, waren die Namen der Toten zu lesen. 1972 sollte die Schrift erneuert werden. Die Platten wurden also abgenommen. Aber die Renovierung dauerte und dauerte. Sie zog sich über zwei Jahrzehnte hin, obwohl immer wieder versucht worden war, die Gedenkstätte in Ordnung zu bringen. 1991 erschien ein Aufruf. Es wurde nach Fotografien gesucht, auf denen die Platten mit den Namen der hier bestatteten Toten abgebildet waren. Die alten Platten gab es nicht mehr. Die Namen mussten wieder zusammengetragen werden. 1995 waren die vier neuen Tafeln dann angebracht, und das Grundstück war gärtnerisch neu gestaltet worden.
Nach der Umbettung der gefallenen Soldaten der Roten Armee vom Berliner Dreieck zur Kriegergedenkstätte in der Jüterboger Straße im Jahre 1948 fanden die Feiern zum 8. Mai dort statt. Einige Treuenbrietzener besuchten Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre nach der Beendigung der Feier, die mit Salutschüssen zu Ehren der Toten schloss, den Triftfriedhof, um dort der Familienangehörigen zu gedenken, die ja auch Kriegsopfer waren. Dann hörten wir, das ginge nicht, sei nicht erwünscht, wir sollten es lassen.
Was den Zivilisten in den letzten Kriegstagen widerfahren war, hatte die breite Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Das war und bleibt ein heikles und sehr heißes Thema. Der Mantel des Schweigens breitete sich darüber aus, es war tabu. Die Angehörigen und die evangelische Kirche leisteten die Trauerarbeit und hielten das Gedenken an die Toten aufrecht. Bis 1989 gedachten nur sie der Toten. Jetzt finden Gedenkfeiern auch am 23. April statt, die alle Bürger besuchen können.
Heute müssen die persönlichen Erlebnise nicht mehr verdrängt werden, wie es bis zur Wende der Fall war, um den Anforderungen gerecht zu werden, die das tägliche Leben stellte. – Das Schweigen und das Tabugebot über das Erlebte, auch das, was die Frauen und Mädchen erleiden mussten, halfen unsinnigerweise weiter, denn das Erinnern an die Geschehnisse und das Reden darüber wühlen auf. Die erneute Konfrontation mit dem Unfassbaren muss dann nochmals verarbeitet werden, und das kostet Kraft. Leider wird so manches im Dunkeln bleiben und unwiderruflich verloren sein. – Und was wird später über dieses dunkle und traurige Kapitel der Treuenbrietzener Geschichte gesagt werden?

Ingeburg. Grabow, Treuenbrietzen

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