Die Bockwindmühlen von Marzahna und Schwabeck

von Adolf Leity, Ortschronist

Andreas Gottlieb Gensike wurde am 13. Dezember 1797 in Neuenhütte bei Niemegk geboren. In der väterlichen Mühle erlernte er den Beruf des Windmüllers. Nach bestandener Meisterprüfung wollte er sich eine Existenz aufbauen. In Marzahna bot sich ihm die Möglichkeit, selbständig zu werden. hier war zwar schon der Windmüller Johann Gottlob Boche ansässig, aber eine zweite Windmühle konnten die Marzahnschen Hüfner gebrauchen. Daher wurde ihm die Genehmigung zum Bau einer zweiten Windmühle im Ort erteilt.

Während Andreas Gottlieb Gensike die Mühle aufbaute und das Wohnhaus herrichtete, blieb seine am 3.6.1803 geborene Frau Marie Elisabeth, geb. Strehle aus Schlamau, im elterlichen Haus, denn hier konnte die junge Mutter ihre am 19.3.1828 geborene Tochter Marie Wilhelmine in Ruhe betreuen. Erst als die Mühle stand und das neue Domizil eingerichtet war, zog die junge Familie 1828 nach Marzahna.
Arbeit gab es für beide Windmüller genug im Dorf. Die Familie des neuen Windmüllers wurde bald heimisch und Marie Elisabeth brachte in den nächsten Jahren noch 3 Töchter zur Welt.

Marie Sophie, geb. am 9.6.1831
Marie Friederike, geb. am 27.8.1833
Hanna Emilie, geb. am 16.4.1835

Ein Sohn, der einmal das väterliche Erbe antreten könnte, stellte sich nicht ein.
Auf Grund der neuen Chaussee Treuenbrietzen-Wittenberg siedelten sich unmittelbar an der sächsischen Grenze zu Brandenburg bei Schwabeck Handwerker an. Durchreisende konnten bei einem Stellmacher, einem Tischler und einem Schmied Reparaturen ausführen lassen. Der Gastwirt Andreas Brüning bot ihnen in seiner Gaststätte an der Chaussee eine Erholungspause. Andreas Gottlieb Gensike sah hier in Schwabeck eine Möglichkeit, mit einer Windmühle neue Kunden zu gewinnen. Vor allem hoffte er auf Zuspruch aus den Dörfern Schwabeck, Pflügkuff und Dietersdorf. 1832 gründete er daher in Schwabeck eine Windmühle, die unter der Regie seiner Frau Marie Elisabeth geführt wurde. Sie verlegte auch ihren Wohnsitz  dorthin. Seine Windmühlen in Marzahna und Schabeck sicherten der Familie ein gutes Einkommen. Am 11. September 1846 verstarb der Wind- und Mahlmüller Andreas Gottlieb Gensike. Die Witwe konnte nicht allein beide Windmühlen betreiben. Verkaufen wollte sie auch nicht. In Neuenhütte lebte ihr Schwager, der Handelsmann Gottlieb Gensike. Sein Sohn Johann Friedrich hatte den Beruf eines Windmüllers erlernt. Er sollte die Marzahnsche Windmühle übernehmen. Umgehend wurde das Aufgebot bestellt, und am 18. Oktober 1846 heiratete Johann Friedrich seine Cousine Marie Wilhelmine, die älteste Tochter des verstorbenen Windmüllers. Somit blieb die Windmühle in Familienbesitz. Die Witwe Marie Elisabeth bezog endgültig das Schwabecker Haus und betrieb hier die Windmüllerei.

Am 8. November 1847 riss der Tod die Witwe Marie Elisabeth Gensike aus ihrem arbeitsreichen Leben. Die Schwabecker Windmühle war verwaist. Ihr Schwiegersohn Johann Friedrich Gensike wollte nicht zwei Mühlen betreiben und bot sie zum Kauf an. Der Gastwirt in Schwabeck Andreas Brüning sah eine Möglichkeit, seiner Tochter Hanna Friederike (*19.5.1825) einen Lebensunterhalt zu bieten. Sie hatte sich in den jungen Müllergesellen Johann Friedrich König aus Kurzlipsdorf verliebt. Die Trauung fand am 6. Juli 1848 statt. Durch den Erwerb der Bockwindmühle und des Wohnhauses hatte das junge Ehepaar einen guten Start für eine Existenz.
Kehren wir nach Marzahna zur Familie des Wind- und Mahlmüllers Johann Friedrich Gensike zurück. Seine Mühle brachte so viel ein, dass er ein gesichertes Einkommen hatte. Im Laufe der Jahre wurden ihm 7 Kinder geboren:

1. ungetaufte Tochter *24.09.1847 † 02.10.1847
2. Friedrich Gottlieb *01.12.1848
3. Anna Marie  *10.12.1850
4. Friedrich Hermann *23.01.1853 †03.03.1853
5. Franz Carl  *21.01.1854
6. Friedrich Hermann *01.06.1856
7. Friedrich Carl  *23.09.1858

Seine Söhne erlernten bei ihm das Müllerhandwerk. Dem ältesten Sohn war es bestimmt, die Familientradition weiterzuführen. Nach seiner Meisterprüfung blieb er auf der väterlichen Mühle. 1874 heiratete er Johanna Christiane Grahl. Seine Ehe blieb jedoch kinderlos.
Der jüngste Sohn Friedrich Carl heiratete nach Lehr- und Wanderjahren am 1. März 1883 die Hüfnertochter Friederike Wilhelmine Schröter aus Kurzlipsdorf. Einige Jahre lebten sie in Kurzlipsdorf. Danach zogen sie nach Marzahna, wo Friedrich Carl seinen älteren Bruder bei der Windmüllerei unterstützte. Später übernahm er als Erbmüller die Bockwindmühle von seinem Bruder.
Im Laufe der Jahre zeigten sich an den Flügeln durch die besonders starke Beanspruchung Verschleißerscheinungen. Eine Sanierung war notwendig geworden. 1892 sollten die Flügel teilweise erneuert werden. In den Rutenbäumen wurden neue Heckscheite  eingepasst und mit heißem Teer imprägniert, sie hatten außerdem einen festeren Sitz. Den Teerofen stellten die Arbeiter aber in unmittelbare Nähe des Flügels. Durch Unvorsichtigkeit geriet der Teerofen in Brand. In Sekundenschnelle griffen die Flammen auf die eingeteerten Rutenbäume über und standen im Nu in hellen Flammen. Noch bevor die Flammen gelöscht werden konnten, brannte die ganze Mühle. Eine Rettung der Mühle war nicht mehr möglich. Der Westwind fachte die Flammen immer mehr an. Die Hitze war so stark, dass an der anderen Straßenseite die Fensterscheiben der Häuser zerbarsten.
Da die Mühle der einzige Broterwerb für die Familie des Windmüllers Friedrich Carl Gensike war, musste er eine neue aufbauen. Hierbei kam ihm ein glücklicher Umstand zur Hilfe.
Der Treuenbrietzener Windmüller Friedrich Becker errichtete 1895 eine Holländermühle (sie steht noch heute an der B 102 in Richtung Niemegk).
Seine Bockwindmühle, die er nun nicht mehr benötigte, kaufte Friedrich Karl Gensike. Er ließ sich die demontierte Windmühle nach Marzahna transportieren. Für den Transport wurden 80 Pferdefuhrwerke benötigt. Diese Bockwindmühle hatte schon 1839 einen Transport zu überstehen. Der junge Gottlieb Becker (*1806) blieb nach der Militärzeit in Jüterbog aus Liebe in Treuenbrietzen hängen. Er wurde Windmüller. Nach Lehrzeit und Wanderschaft baute er sich hier eine Existenz auf. Nach mündlicher Überlieferung soll er eine in Mecklenburg verwaiste Bockwindmühle übernommen haben. Sie soll mit der Bahn (vermutlich) bis Jüterbog transportiert worden sein. Bezahlt wurde nach Gewicht, und so ist bekannt, dass die Mühle 1000 Zentner wog. Dazu kamen noch die Maschinen und Mühlsteine mit je 20 Zentner. 1864 wurde diese Bockwindmühle bei einem Sturm arg in Mitleidenschaft gezogen und musste aufwendig repariert werden. Zum Gedenken an dieses schreckliche Ereignis wurde in den Stamm des Bockes die Jahreszahl 1864 eingeschlagen.
Durch die Demontage wurden die Federn und Nuten der Balken in Mitleidenschaft gezogen und mussten beim Wiederaufbau in Marzahna aus den Balken neu herausgearbeitet werden, dazu wurden die Balken um 50 cm eingekürzt, so dass der Grundriss der Mühle um einen halben Meter kleiner ausfiel.
Friedrich Carl Gensike führte den Müllerberuf bis 1919 aus. Da er keinen Nachfolger hatte, verkaufte er die Bockwindmühle.

Bockwindmühle in Marzahna mit dem neuen Besitzer Karl Müller

Als neuer Besitzer erwarb 1920 Karl Müller die Mühle. Er ließ 1928 einen elektrischen Antrieb installieren. Damit war der Windmüller nicht mehr von den Launen des Windes abhängig. Bei einer Flaute wurde halt der E-Motor eingeschaltet.
1919 wurde sein Sohn Fritz geboren. Bei seinem Vater lernte er das Müllerhandwerk von 1933-1936. 1936 legte er unter Teilnahme von anderen Innungsmeistern in der väterlichen Mühle seinen Gesellenbrief ab. Er konnte seinen Vater aber nicht unterstützen, denn 1937 wurde er zum Arbeitsdienst und dann zum Militärdienst einberufen. Über Polen kam er 1941/42 bis Stalingrad. Durch eine Fleischvergiftung kam er in den Heimaturlaub, was ihm das Leben rettete. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft unterstützte Fritz wieder seinen Vater in der Mühle.
1953 starb sein Vater Karl Müller. Fritz betrieb als Erbe die Mühle weiter. Es war ein mühsamer Broterwerb:
Für 50 kg Mehl mahlen erhielt er 1,50 Mark und für 50 kg Futterschrot 0,50 Mark. In 8 Stunden konnten 10 Zentner Mehl oder 20-30 Zentner Futterschrot gemahlen werden. Nach Abzug der Nebenkosten (Strom, Steuern, Handwerkskammer usw.) blieb nicht viel für den Lebensunterhalt übrig.
Fritz Müller betrieb seine Mühle bis 1960. Vorwiegend wurde nur noch Futterschrot gemahlen. 1960 mit der Gründung der LPG gab er die Windmüllerei auf.
Privatbauern gab es nicht mehr und die LPG ließ nicht bei einem Privatmüller mahlen. Er fand Arbeit in der MAS (Maschinen-Ausleih-Station). Ohne Nutzung und Pflege verfiel die Bockwindmühle zusehends. In den 70er Jahren erwog der damalige LPG-Vorsitzende Erich Drängner, die Mühle abzureißen. Er scheute aber vor dem riesigen und dem finanziellen Aufwand zurück. So blieb sie stehen, da sie keinen störte. Einmal wurden bei einer Schrottsammlung Eisenteile abmontiert und dem Schrottaufkommen zugeführt.

Gib Deine Meinung ab!

Dein Kommentar