Bürgermeister JENNER

Vor 75 Jahren, am 30.Januar 1933, wurde der „Führer“ der NSDAP, Adolf HITLER, zum Reichskanzler ernannt. Damit wurde in ganz Deutschland die Machtübernahme der Nationalsozialisten eingeleitet, deren 12-jährige Herrschaft zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges führte und mit der bedingungslosen Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands im Jahre 1945 ihr Ende fand.
Im Folgenden soll dokumentiert werden, wie in Treuenbrietzen die erste Etappe der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlief und wie die Entwicklungen in der Reichshauptstadt Berlin ihre Widerspiegelung auf lokaler Ebene fanden. Im Mittelpunkt standen dabei in Treuenbrietzen der Kampf um die Besetzung der Schlüsselpositionen in der Stadtverordnetenversammlung und in der Stadtverwaltung sowie insbesondere die Entmachtung des demokratisch gewählten Bürgermeisters JENNER….

 

Bürgermeister Gustav JENNER
Am 19.Mai 1917 wählen die Treuenbrietzener Stadtverordneten Gustav JENNER für eine zwölfjährige Wahlperiode zum neuen Bürgermeister von Treuenbrietzen. JENNER wurde am 25 Dezember 1882 in Liebenau/ Neumark geboren. Nach der Schulzeit arbeitet er als Eleve bei der Verwaltung in Liebenau. 1899 findet er eine Anstellung als Hilfskraft und später als Bürogehilfe beim Magistrat in Schwiebus. Hier erprobt er sich acht Jahre lang im Beruf eines Verwaltungsbeamten. Von 1907 an ist er als Büro- Assistent beim Magistrat in Grünberg/Schlesien tätig, einer Stadt mit damals 23.000 Einwohnern. Im Oktober 1909 wird er Polizei-Sekretär von Grünberg, eine Stellung, die er bis zu seiner Übersiedlung nach Rackwitz beibehält, wo er im Mai 1916 in das Bürgermeisteramt gewählt wird. (BLHA, Rep. 8 Treuenbrietzen)
Zum Zeitpunkt seines Amtsantrittes in Treuenbrietzen ist Gustav JENNER 34 Jahre alt, mit der jüngsten Tochter des Fabrikbesitzers Karl LUTZE aus Berlin-Adlershof verheiratet und Vater von zwei Jungen. Er schreibt in seinem Lebenslauf, dass er 1,76 m groß sei, sich bester Gesundheit erfreue und der evangelischen Konfession angehöre. Die Ausfüllung der Bürgermeisterstelle in Treuenbrietzen bezeichnet er als seine Lebensaufgabe.
Noch vor Ablauf seiner Dienstzeit wird Gustav JENNER im November 1928 für eine weitere Wahlperiode von 12 Jahren im Amt bestätigt. Er erhält in der Stadtverordnetenversammlung 14 von 17 abgegebenen Stimmen. (BLHA, Rep. 8 Treuenbrietzen).
Im August 1932 lässt sich JENNER wegen eines Blasen- und Drüsenleidens beurlauben. Seine Vertretung übernimmt der Beigeordnete KUNZE. JENNER wird in der Charité in Berlin operiert, die Krankheit ist ernster als erwartet. Am 24. Dezember wird er auf seinen Wunsch aus der Charité entlassen. Er ist jedoch noch so kraftlos und pflegebedürftig, dass er eine Verlängerung seiner Beurlaubung bis Ende Februar 1933 beantragt. Weiter behandelt wird er in Treuenbrietzen vom praktischen Arzt Dr. WIEDWALD in der Großstraße 1. Er kommt wieder ins Krankenhaus, diesmal nach Potsdam.

Nach dem 30.Januar 1933
Inzwischen hat sich die politische Lage in Deutschland grundlegend verändert. Die Treuenbrietzener Zeitung erscheint am 30.Januar unter der Schlagzeile: „Adolf HITLER zum Reichskanzler ernannt!“ (TZ,30.01.1933). Die Nationalsozialisten beginnen mit der Übernahme der Macht in ganz Deutschland. Auch in Treuenbrietzen wird Anfang Februar der erste Schlag gegen die Kommunisten geführt: „Auf ministerielle Anordnung waren gestern im Stadtgebiet Durchsuchungen bei den örtlichen Leitungsstellen der KPD und verdächtigen Funktionären derselben vorzunehmen. Bei den hier vorgenommenen Durchsuchungen wurden mehrere Gegenstände beschlagnahmt.“ (TZ,03.02.1933)
Es folgt die Auflösung der demokratisch gewählten Kommunalvertretungen. Dazu schreibt die Lokalzeitung: „Die Auflösung sämtlicher preußischer Gemeindevertretungen hat lebhafte Erörterung über die rechtlichen Folgen, die sich daraus für die Stadtverordnetenversammlung ergeben, zur Folge…Die Auflösungs- Verordnung enthält keinen näheren Termin für die Auflösung der Gemeinde- Vertretungen…Folglich hat die Stadtverordnetenversammlung praktisch zu existieren aufgehört: Sie kann nicht mehr zusammentreten…Die Befugnisse der Stadtverordnetenversammlung gehen auf den Bezirks-Ausschuß über.“ (TZ,10.02.1933). Neuwahlen zu den Gemeindevertretungen (Stadtverordnetenwahlen) werden für den 12.März angesetzt. An diesem Tag soll auch ein neuer Brandenburgischer Provinziallandtag gewählt werden.

Nach dem Reichstagsbrand
Der nächste Schritt zur Machtergreifung der Nationalsozialisten erfolgt unmittelbar nach dem Reichstagsbrand. In der Treuenbrietzener Zeitung ist als Schlagzeile zu lesen: „Reichstag in Flammen. Durchgreifende Maßnahmen gegen den kommunistischen Terror. Heute früh 4 Uhr sollte der allgemeine Bürgerkrieg entfesselt werden. Der Reichskommissar für das Preußische Innenministerium hat nunmehr verfügt, dass die Abgeordneten und Funktionäre der Kommunistischen Partei in Schutzhaft genommen werden.“ (TZ,28.02.1933). Auch in Treuenbrietzen schließt man sich dieser Aktion an: „Durch erneute Verfügung fand gestern abermals eine Haussuchung bei mehreren hiesigen Kommunisten statt. Einige Pakete Flugblätter wurden beschlagnahmt…Seit gestern ist hier ein Kommando Schupo stationiert, das zur Hilfeleistung unserer Polizei beordert worden ist.“ (TZ,01.03.1933). „Im Interesse der öffentlichen Sicherheit sind gestern abend zwei Angehörige der kommunistischen Partei in Schutzhaft genommen und heute früh nach Brandenburg gebracht worden.“ (TZ,16.03.1933). Ende April bewilligt die Stadtverordnetenversammlung eine Etatüberschreitung in Höhe von 42 RM. Die Kosten waren im März durch die Inhaftnehmung der beiden hiesigen Kommunisten BERCHT und MEIER verursacht worden. (TZ,25.04.1933)
Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand wird die Rundfunkrede von Reichskanzler HITLER, in der er über kommunistische Terrorakte und die „Weltgefahr des Kommunismus“ spricht, vom Treuenbrietzener Rathaus aus durch Lautsprecher öffentlich übertragen. Den Großlautsprecher dafür muss die Firma Gebr. PREUSS zur Verfügung stellen. (TZ,02.03.1933)

Neuwahl des Reichstages
Bei den Reichstagswahlen am 5.März erhält die NSDAP in Treuenbrietzen 2.204 Stimmen. Für die SPD entscheiden sich 952, für die KPD 289 Wähler. (TZ,06.03.1933). Am 10.März um 6.45 Uhr werden daraufhin die schwarz-weiß-rote und die Hakenkreuz-Fahne auf dem Rathaus in Treuenbrietzen gehisst. „Unter Vorantritt der hiesigen Musikkapelle kam der Zug, bestehend aus Abordnungen des Stahlhelm, der SA und der SS vom Schützenhaus und nahm vor dem Rathaus Aufstellung. Alle Blicke hingen am Rathausturm, wo wenige Minuten später die beiden Befreiungsfahnen unter den Klängen des Präsentiermarsches festgemacht wurden, und ehrfurchtsvoll grüßten die NSDAP, der Stahlhelm und die zahlreich anwesenden Bürger. Es waren feierliche Minuten, auf die wir 14 Jahre hindurch warteten.“ Stahlhelm-Führer Carl MAUER hält „eine kurze, aber kernige Ansprache“. Anschließend werden die beiden Fahnen auch auf der Volksschule und dem Postamt gehisst. (TZ,10.03.1933)

Das neue Stadtparlament
Nach den Kommunalwahlen am 12. März ziehen die Nationalsozialisten zum ersten Mal ins Stadtparlament von Treuenbrietzen ein und erringen die absolute Mehrheit. Die NSDAP erhält 1.901 Stimmen (10 Sitze), die SPD 844 (4 Sitze), die Bürgerliche Vereinigung 643 (3 Sitze) und die KPD 163 Stimmen. Die Sitze der NSDAP gehen an Schriftleiter Fritz TITTMANN, Kaufmann Willi BIERMANN, Tischler Otto STEINDORF, Justiz- Obersekretär Bernhard LEHMANN, Landwirt Otto LETZ, Steuerberater Wilhelm HÖHNE, Friseurobermeister Carl ZOCH, Buchdrucker Wilhelm LANGE, Postschaffner Julius BATHE und Gastwirt Alwin LINKE. Für die SPD sitzen jetzt Holzbildhauer Wilhelm LEHMANN, Lagerhalter Paul WOITHE, Zimmermann Paul RICHTER und Maurer Karl MÖLTER im Stadtparlament. Die Bürgerliche Vereinigung ist durch Landwirt Fritz RÜGER, Lehrer i. R. Karl KUNZE und Buchbindermeister Martin PFINGSTEN vertreten. (TZ,13.03.1933)
In den Kommunen sind jetzt die unbesoldeten und besoldeten Stadträte, die Bürgermeister sowie die Mitglieder der städtischen Deputationen und Kommissionen neu zu wählen. Es geht um „die Umfurchung des gesamten deutschen Verwaltungslebens.“ (TZ,20.03.1933)
Auch die Schulvorstände sind neu zu bilden. Anlässlich des Tages von Potsdam ziehen die Schüler in geschlossenem Zuge mit ihren Lehrern an der Spitze unter Hakenkreuzfahnen zum Treuenbrietzener Marktplatz. Vor dem Rathaus ergreift Rektor STEINDORFF das Wort zu einer kurzen Ansprache. Er weist auf die geistige und materielle Not des Volkes seit dem „ehrlosen 9. November 1918“ hin. „In den Schulen durfte nicht von den Taten unserer Vorfahren gesprochen werden. Statt- dessen mussten die Lehrer ihren Schülern die Völkerversöhnung preisen, wenn sie selbst es auch nicht mit dem Herzen taten. Der Redner erinnerte an die ganze internationale und undeutsche Kultur, die man anstelle deutschen Geistes mit allen Mitteln ins Volk bringen wollte, man brauche bloß an die Negermusik und die seichten Schlagertexte zu denken.“ (TZ,21.03.1933)

Nach dem Ermächtigungsgesetz
Nachdem am 24. März die Lokalzeitung mit der Schlagzeile: „Das Ermächtigungsgesetz angenommen“ aufgemacht hatte (TZ, 24. 03.1933), findet am 28. März die konstituierende Sitzung der Stadtverordnetenversammlung statt. Dazu sind 30 besondere Eintrittskarten vergeben worden. Zuerst werden die Zuschauerreihen besetzt. „Dann ziehen Punkt 8 Uhr die nationalsozialistischen Stadtverordneten geschlossen ein. Alle in ihrer braunen Uniform, äußeres Zeichen eines einheitlichen Willens, der von nun ab die Schicksale unserer Stadt bestimmen wird. Der bisherige Beigeordnete KUNZE eröffnet die Sitzung. Neue Aufgaben brauchen neue Männer, sagt er. „Wir wollen uns in den Dienst dieser großen Aufgaben stellen, an dieser Stelle unter Wahrung der Selbstverwaltung.“ Auf Vorschlag von TITTMANN wird BIERMANN zum neuen Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Für ihn stimmen die 10 Nationalsozialisten und die drei bürgerlichen Stadtverordneten. Die Sozialdemokraten enthalten sich. Sein Stellvertreter wird Alwin LINKE, Beisitzer werden Otto STEINDORF und Otto LETZ. Der frühere Schriftführer Otto SAACKEL wird wiedergewählt. Zum Beigeordneten wird mit derselben Mehrheit von 13 Stimmen Fritz TITTMANN gewählt. Zu Magistratsmitgliedern wählt man Bernhard LEHMANN, Carl ZOCH, Georg OTTMANN und Wilhelm HÖHNE von der NSDAP, den Schuhmacher Otto STARKE von der SPD und den Direktor der Landesanstalt, Dr. RIEMANN, von der Bürgerlichen Vereinigung. (TZ,29.03.1933)
Der SPD- Stadtrat STARKE wird nicht bestätigt, der Sozialdemokrat LEHMANN legt auf der Sitzung am 3. April sein Mandat nieder. Für den Kommissarischen Bürgermeister TITTMANN und die neu ernannten Stadträte ZOCH, HÖHNE und B. LEHMANN sollen auf der nächsten Sitzung Nachrücker bestätigt werden. Unter dem Bild von Adolf HITLER wird die Versammlung mit einem dreifachen „Heil“ auf das Vaterland und den „Volkskanzler HITLER“ beendet. (TZ,04.04.1933)

Die Entmachtung von Bürgermeister JENNER
Vorerst abgeschlossen wird die Machtergreifung der Nazis in Treuenbrietzen am 11. April. Nachdem Bürgermeister JENNER mitgeteilt hatte, dass er noch vor Ostern geheilt heimkehren werde und nach wenigen Tagen der Erholung sein Amt wieder übernehmen wolle, beschließt der Magistrat, Bürgermeister JENNER zu pensionieren und gegebenenfalls bis zur Entscheidung zu beurlauben. (Protokoll Magistrat,11.04.1933).
Zur Begründung heißt es in einem vom Beigeordneten TITTMANN unterzeichneten Schreiben des Magistrats an den Oberpräsidenten für die Provinz Brandenburg und Berlin KUBE: „Herr Bürgermeister JENNER, der sich z. Z. in einem etwa ¾ Jahre währenden Krankheitsurlaub befindet, hat sich in den letzten Jahren scharf gegen die nationalsozialistische Bewegung gewendet. Er hat insbesondere sozialdemokratische Turner durch einen öffentlichen Aufruf namens der Stadtgemeinde begrüßt. Unterlagen können nachgereicht werden. Er hat die unter dem Staatsminister SEVERING gegen die NSDAP getroffenen Anordnungen in einer über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgehenden scharfen Form zur Durchführung gebracht; u. a. hat er eine genehmigte nationalsozialistische Versammlung mit dem im hiesigen Wahlkreis gewählten Reichstagsabgeordneten Fr. von WANGENHEIM durch polizeiliche Behinderung der Versammlungsbesucher nicht zur vollen Durchführung kommen lassen. Er hat eingeschriebenen Mitgliedern und dem Versammlungsschutzkommando (SA in Dienstuniform) den Zutritt zur Versammlung verweigert unter persönlicher Anordnung, jedoch Hunderte von links eingestellten Demonstranten vor dem Versammlungslokal geduldet, und damit die Anpöbelung von Passanten und Versammlungsbesuchern nicht verhindert. Er hat außerdem einige nationalsozialistische Mitglieder vom Versammlungseingang, wo sie sich als Mitglieder auswiesen, unter Dabeistehen sozialdemokratischer Funktionäre in die demonstrierenden Haufen politischer Gegner ungeschützt zurückgewiesen. Dieses erfolgte, nachdem wenige Tage vorher ein Konzert der NSDAP durch politische Gegner gesprengt und durch Anzündung einer Scheune, welche neben dem Standquartier der betreffenden SA- Kapelle belegen war, behindert wurde. Die Brandstifter wurden nicht festgestellt, sind aber sicherlich in den Reihen linksradikaler Elemente zu suchen. Auf Grund der letzterwähnten Vorgänge gab der Bürgermeister JENNER der Ortsgruppe der NSDAP die ausdrückliche Zusicherung eines ausreichenden Versammlungs-Schutzes. Die darauf folgende Versammlung war die mit dem Reichstagsabgeordneten von WANGENHEIM, die vorstehend in ihrem Verlauf kurz dargestellt ist. Zeugen für diese Vorgänge sind:
1.    Reichstagsabgeordneter von WANGENHEIM, Berlin, Reichstag,
2.    Ortsgruppenleiter Just. Ob. Sekretär und Stadtrat Bernhard LEHMANN, Treuenbrietzen,
3.    Landtagsabgeordneter und Beigeordneter Fritz TITTMANN, Treuenbrietzen.
Auf Grund dieser Vorgänge und der sich daraus ergebenden Einstellung des Bürgermeisters erscheint eine sofortige Pensionierung bzw. Beurlaubung nach dem § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.Mai 1933 erforderlich.“
Fritz TITTMANN schreibt am folgenden Tage an Bürgermeister JENNER: „Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Laut fernmündlicher Mitteilung des Herrn Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg und von Berlin in Charlottenburg wurde der Unterzeichnete ab heute Vormittag zum kommissarischen Bürgermeister der Stadt Treuenbrietzen ernannt. Der fernmündlichen Mitteilung wohnte der Stadtrat OTTMANN bei. Die schriftliche Bestätigung wird laut Mitteilung des Herrn Oberpräsidenten umgehend erfolgen. Indem ich Ihnen dies zur Kenntnis bringe zeichne ich hochachtungsvoll.“

Aber Gustav JENNER gibt nicht auf, versucht es mit einem Kniefall vor den Nationalsozialisten und ihrer Ideologie, denkt dabei aber wohl vor allem an das künftige Schicksal seiner großen Familie. In seinem Schreiben vom 21.04.1933 an den Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg mit Kopie an den Landrat in Belzig heißt es u. a.: „Ich bin arischer Abstammung und bekenne mich zur evangelischen Konfession…Von Jugend auf bin ich national gesinnt gewesen und bin es auch heute noch. Ganz zu Recht haben mich jederzeit Demokratie, Marxismus und Kommunismus als schroffen politischen Gegner angesehen und in mannigfacher Anfeindung auch behandelt…Ich bin in den ersten Jahren meiner Beamtenlaufbahn Mitglied der Deutschen Volkspartei gewesen, habe dieser unter STRESEMANN den Rücken gekehrt und bin zur Deutschnationalen Volkspartei hinübergewechselt…An einer Neuorientierung meines politischen Parteibekenntnisses noch stärker nach rechts bin ich durch mein endlos langes Krankenlager (4 Operationen) behindert gewesen…Als schärfsten Marxisten-Gegner nationaler Prägung kennt mich die gesamte Bürgerschaft und der jahrzehntelange bisherige Stadtverordnetenvorsteher Landwirt Fritz RÜGER (deutschnational) kann ebenso wie der hiesige Stahlhelmführer Fritz KOREUBER Zeugnis dafür ablegen…Von meinen 7 unerwachsenen Kindern gehört der älteste Sohn der HITLER-Jugend und je ein weiteres Kind dem Jungstahlhelm und dem Jung-Scharnhorstbund an.“ Ich habe „einer nationalsozialistischen Angestellten des Rathauses (Büroangestellte Elisabeth HEYER) Urlaub nach Potsdam erteilt, um dort ihren Führer HITLER zu sehen und zu hören…An Zumutungen, die nationalsozialistischen Angestellten des Rathauses zu entlassen, hat es innerhalb der Stadtvertretung nicht gefehlt. Ich habe niemals die Hand dazu geboten. Tatsächlich ist auch keine Entlassung erfolgt…In schwerster Leidensstunde wurde mir die nationale Erhebung zur seelischen Stärkung…Auch ich gehe mit der nationalen Erhebung durch dick und dünn und würde allen ihren Willensvollstreckern ein treuer Helfer sein.“ Zum Schluss erklärt JENNER seine Bereitschaft, in den Ruhestand zu gehen, wenn ihm unverkürzte Pensionsbezüge gewährt würden. Er denke dabei an seine große Familie, der er nicht mehr Ernährer sein kann.
In einer zweiten Erklärung von JENNER vom 29.04.1933 heißt es darüber hinaus: „Herr TITTMANN behandelt mich seit Jahren nolens volens als seinen politischen Gegner. Ich war es nie und  bin es auch heute nicht. Kurz vor meiner Erkrankung erschien in der TITTMANN’ schen Zeitung unter Fettdruck und der Überschrift die Alarmnachricht: ‚Der Bürgermeister von Treuenbrietzen bewaffnet die Eiserne Front’. Es wurde ‚gerüchtweise’ behauptet, dass ich in vier Wochen 40 Waffenscheine an die Eiserne Front ausgegeben hätte, was natürlich völlig erfunden war.“

Aussagen von Zeugen
Fritz TITTMANN wird vom Landrat aufgefordert, Zeugenaussagen für die Vorwürfe in seinem Schreiben beizubringen. Er reagiert verärgert: „Selbst in meiner Tätigkeit als
ehrenamtlicher kommissarischer Bürgermeister halte ich die nachweisbare Verringerung der Arbeitslosen in Treuenbrietzen von 425 (Unterstützungsempfänger) auf ca. 100 für dringlicher als die Erledigung der Angelegenheit JENNER.“ (Schreiben vom 3.Juli 1933, Kopfbogen „Fritz TITTMANN, M. d. L., Schriftleiter und Verleger“). Er fordert aber die gewünschten eidesstattlichen Erklärungen an.In der Erklärung des Freiherrn von WANGENSTEIN heißt es u. a.: „Vor der ersten Reichspräsidentenwahl des Jahres 1932 sollte ich als Redner in einer Versammlung in Treuenbrietzen sprechen.“ Man wollte ihm und anderen den Zugang zum Lokal verwehren. „Man berief sich dabei stets auf den ausdrücklichen Befehl des Herrn Bürgermeister JENNER…Erst nach langem Verhandeln wurde mir, als dem Redner, sowie auch später dem Landwirtschaftslehrer SCHRÖDER, der Zutritt in den Versammlungsraum gestattet.“
Elisabeth HEYER schreibt: „In einem anderen Zusammenhange hat mir Bürgermeister JENNER noch gesagt, dass ich mir noch Unannehmlichkeiten machen würde, wenn ich mich zur NSDAP bekenne.“
Die Polizeihauptwachtmeister SEIDEL und ALBORG erklärten „übereinstimmend, dass Ihnen von einem Verhalten des Herrn Bürgermeister JENNER, das man als Scharfmachen gegen die NSDAP bezeichnen könne, nichts bekannt ist…Herr Bürgermeister JENNER hat vor dem Versammlungslokal mit den beiden sozialdemokratischen Führern LEHMANN und WOITHE gesprochen und in dem Sinne verhandelt, dass sie auf ihre Anhängerschaft beruhigend einwirken sollten.“
Landwirtschaftslehrer SCHRÖDER gibt zu Protokoll: „Die parteipolitische Einstellung von Bürgermeister JENNER gegen die NSDAP fiel vor dem Versammlungslokal noch besonders dadurch auf, dass seine Umgebung neben den uniformierten Polizeibeamten von den beiden linksradikalen Führern LEHMANN (damaliger sozialdemokratischer Fraktionsführer) und WENDORF (Kommunist und damaliger Gewerkschaftsführer) gebildet wurde.“ Einige Tage nach jener Versammlung teilte ihm der Direktor der Winterschule, Landwirtschaftsrat HENNENBERGER, mit, „daß ihm Bürgermstr. JENNER nahe gelegt habe, mich wegen aktiver Betätigung innerhalb der NSDAP bei meiner vorgesetzten Behörde mit dem Ziel einer Dienstentlassung anzuzeigen.“ Und weiter erklärt er zur politischen Einstellung von Bürgermeister JENNER: „Ich habe Herrn JENNER niemals für national zuverlässig gehalten oder kennen gelernt, wohl aber stets als einen Gegner der NSDAP bzw. für einen Menschen, der mit der jeweiligen Machtströmung ging.“
Der Bürogehilfe Erich BATHE erklärt: „Ich bin seit April 1923 als Angestellter der Stadtverwaltung Treuenbrietzen tätig.“ Im April 1932 wurde er für 3 Wochen beurlaubt. „Herr Bürgermeister JENNER sagte mir aber persönlich, dass ich beurlaubt werde, da ich Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei sei, und dass es nicht angängig sei, dass ich während der Dauer der Wahlkämpfe meinen Dienst weiter versehe…Herr Bürgermeister JENNER hat mir wiederholt gesagt, dass ich mich von der NSDAP fern halten solle.“
Justizobersekretär Bernhard LEHMANN erklärt in seiner Eigenschaft als „seit Jahren im Amt befindlicher Ortsgruppenleiter der NSDAP Treuenbrietzen“ zur politischen Einstellung von Bürgermeister JENNER: „Als die NSDAP Treuenbrietzen im August 1930 ihre Wahlarbeit begann, wurde mir mitgeteilt, dass Bürgermeister JENNER geäußert habe: ‚Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich auch solche Strolche und Vagabunden in meiner Stadt hätte‘…Herr Bürgermeister JENNER war nach meiner festen Überzeugung stets ein ausgesprochener Gegner der NSDAP; allerdings glaube ich nicht, dass er Marxist war, sondern ich halte ihn für einen Menschen, dem der Charakter fehlte, eine feste politische Überzeugung zu haben, und der gegebenenfalls sowohl mit der Sozialdemokratie als auch mit jeder anderen politischen Macht- tragenden Gruppe gegangen wäre, und sich deren Bekenntnis äußerlich angeeignet hätte.“

Die Ausschaltung der SPD
Nachdem die KPD verboten war, richtet sich der nächste Schlag der Nationalsozialisten zur Absicherung ihrer Machtergreifung gegen die SPD. „Gesamtvermögen der SPD und des Reichsbanners beschlagnahmt“, lautet die Schlagzeile der Treuenbrietzener Zeitung vom 10.Mai. An diesem Tage werden auch in Treuenbrietzen bei Funktionären der SPD und ihrer Nebenorganisationen, wozu die Freie Turnerschaft „Hoffnung“ gehörte, Haussuchungen durchgeführt. Die sich im Besitz dieser Organisationen befindlichen Utensilien werden beschlagnahmt, Bargeld wird nicht gefunden. „Damit ist das Zwecklose ihres Bestehens erkannt worden und ihre Auflösung unvermeidlich. Wie wir erfahren, hat sich bereits das Reichsbanner und der Gesangverein Freie Sänger aufgelöst.“ (TZ,11.05.1933). Die Ortsgruppe Treuenbrietzen der SPD lädt am 15.Mai zur Generalversammlung. Einziger Punkt der Tagesordnung ist die Auflösung der SPD- Ortsgruppe. (TZ,13.05.1933)
Während einer Haussuchung wird beim früheren Stadtrat und SPD- Mitglied KAISER ein Glückwunschschreiben beschlagnahmt, das Bürgermeister JENNER ihm anlässlich seines 50.Geburtstages übersandt hatte und das nun als Beweismittel gegen ihn genutzt werden soll. Darin schreibt Bürgermeister JENNER, „dass wir uns als Menschen völlig und auch sonst in zunehmendem Maße verstehen.“
Der Vorgang findet ein abruptes Ende, weil Bürgermeister JENNER am 25.Juli 1933 verstirbt. (BLHA, Rep. 8 Treuenbrietzen)
Ernst-Peter Rabenhorst (erschienen in den Heimatblättern vom 15.3.2008)

Quellen:
1. BLHA (=Brandenburgisches Landeshauptarchiv), Rep. 8 Treuenbrietzen
2. TZ (=Treuenbrietzen Zeitung)

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