Der sterbende Strassenbaum

Leipziger-4 „Die Techniker und die Vertreter des Schnellverkehrs haben dem Baum an der Landstraße den Krieg erklärt. Ganz moderne Leute, wie die Amerikaner, bauen grundsätzlich nur baumlose Schnellverkehrsstraßen über Land. Auch bei uns erheben sich schon Stimmen, die in dem traulichen, schattenspendenden Baum an der Landstraße nur ein Hindernis sehen, welches die Statistik der Auto- und Motorradunfälle erhöht…Ganz entsprechend der gemütlichen Romantik alter Zeit, die er versinnbildlicht, wird also auch auf dem Lande der Baum zurückweichen an die Nebenstraßen und Feldwege, wird er verschwinden vom Netz der Hauptverkehrsadern, die gradlinig die größeren Orte verbinden und einen Teil des jetzt noch von der Eisenbahn bewältigten Verkehrs übernehmen werden. Wie ein Märchen aus uralten Zeiten werden unsere Kinder es unseren Enkeln erzählen, dass früher weise Regierungen, große, aufgeklärte Könige, alle Landstraßen mit Bäumen bepflanzen ließen, dass die Pflege des Chausseebaumes eine Wissenschaft für sich geworden war, dass man durch ganz Deutschland einmal wandern konnte im ununterbrochenen Schatten wertvoller Laubhölzer und freigebig Früchte spendender Obstbäume, dass es Apfel-, Birnen- und Kirschalleen an den Landstraßen gab, meilenlang. Und die Enkel im Bewusstsein ihrer bis dahin noch viel hastiger gewordenen Zivilisation werden sich vielleicht doch zweifelnd fragen, ob die Welt nun schöner geworden ist.“ (Treuenbrietzener Zeitung, 24.09.1929)

Erneut veröffentlicht in Treuenbrietzener Nachrichten 04/08

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