Ein Schweizer in Treuenbrietzen

Der Schweizer Schriftsteller, Journalist und Medienberater Lukas HARTMANN wurde 1944 geboren und lebt heute in Bern. Er studierte Germanistik, Psychologie und Musik. Für seine Bücher wurde er vielfach ausgezeichnet. Er beschäftigte sich auch mit dem in Treuenbrietzen geborenen Komponisten Christoph NICHELMANN und muss während der Recherchen zu seinem 2007 erschienenen Roman „Die Deutsche im Dorf“ in Treuenbrietzen geweilt haben. Seine Eindrücke über unsere Stadt hat er in dem Buch literarisch verarbeitet. Die folgenden Auszüge sind seinem Buch entnommen. Der Ich- Erzähler berichtet:Nach der Scheidung, die äußerlich problemlos verlief, begann ich zu reisen und zu forschen. Ich wandte mich von der Gegenwart ab und kehrte ins achtzehnte Jahrhundert zurück, das ich zeitweise als meine eigentliche Heimat betrachtete. Wo und wann meine Liebe zu den so genannten Kleinmeistern begann, kann ich schlecht sagen. Wahrscheinlich geht sie auf den Größten der Großen zurück, auf Johann Sebastian BACH…

 

So gelangte ich auf die Spur von Christoph NICHELMANN, den nur noch eine Handvoll Spezialisten kennen. Für seine Beerdigung musste Geld gesammelt werden; woran er starb, wissen wir nicht, ebenso wenig wie er ausgesehen hat, denn kein Bild von ihm ist überliefert (und ich habe lange nach einem gesucht). Er wurde 1717, als Sohn eines Tuchmachers, in der Kleinstadt Treuenbrietzen geboren, vierzig Kilometer südlich von Potsdam, mitten in der Mark Brandenburg, er bekam früh Musikunterricht vom Stadtorganisten, wurde, seiner schönen Stimme wegen, als Dreizehnjähriger nach Leipzig geschickt, auf die Thomasschule, als deren Kantor Johann Sebastian BACH amtierte. Gut möglich, dass der Junge sich behaglich fühlte in Gesellschaft Wilhelm Friedemanns, des rebellischen Sohns, der damals die Thomasschüler am Tasteninstrument und in Komposition unterrichtete. Es war wohl nicht schwer, sich mit dem Sohn innerlich gegen den Vater zu verbünden, sich darin einig zu wissen, dass der Oberstimme doch gelegentlich der Vorrang gebühre; und dennoch muss Christoph, als er selbst zu komponieren begann, zwischen den beiden hin- und hergerissen gewesen sein, denn der Zwiespalt bricht in seiner Musik immer wieder auf und berührt einen als merkwürdige Unentschlossenheit, als ein Schwanken zwischen Polyphonie und Homophonie. NICHELMANN ging nach Hamburg, zu TELEMANN und KEISER, sah auf der Bühne erstmals Opern von HÄNDEL – und kam doch nicht los von den BACHS. Neben Carl Philipp Emanuel wurde NICHELMANN 1745, auf Befehl des Königs, zweiter Cembalist in der königlichen Hofkapelle. In vierwöchentlichem Rhythmus wechselten sie sich als Begleiter des Königs ab, spielten den bezifferten Bass in den Konzerten, von denen MENZELS berühmtes Bild mit dem flötenspielenden König inmitten seiner Bewunderer einen Begriff geben mag. In diesem Bild – und in anderen aus der Epoche – fühle ich mich, gegen meinen Willen zu Hause. Alles in mir sträubt sich gegen die eitle Allüre des Herrschers, der den Siebenjährigen Krieg vom Zaun reißen wird; und doch ist es eins der Bilder neben den VERMEERS und REMBRANDTS, in das ich am liebsten hineintreten würde. Es ist das Inselhafte daran, das mich anzieht und berückt, die kerzenhelle Gewissheit, dass Ordnung, Maß und Schönheit, genau wie die Menschen, ihren festgelegten Ort haben. Der Rahmen im doppelten Sinn hält diese Gesellschaft zusammen: der vergoldete aus Holz und der geistige, der die absolute Monarchie bejaht. Zur gleichen Zeit schreiben die Aufklärer, zu deren Förderern sich der königliche Flötenspieler paradoxerweise zählt, bereits die Revolution herbei. Sie scheint auf diesem – aus hundertjähriger Distanz gemalten – Bild unendlich fern; nicht ein Hauch davon ist im Schimmern der Spiegel und des Parketts zu ahnen.

NICHELMANN, zu unbedeutend für große Auftritte, fehlt auf MENZELS Historiengemälde. 1756 bat er FRIEDRICH II. aus unbekannten Gründen um seinen Abschied. In den sechs Jahren, die ihm blieben, gab er Stunden, um sich über Wasser zu halten. Ich sehe ihn vor mir in seinem sonnenlosen Zimmer, gichtgeplagt; er lässt seine Schüler aus dem ‚Clavierbüchlein für Wilhelm Friedemann‘ spielen, lächelt, wenn es jemandem gelingt, die Stimmen richtig ineinander greifen zu lassen. Mit fünfundvierzig starb er, an allgemeiner Lebensschwäche vielleicht, die aus vielen seiner Cembalostücke klingt, gerade auch aus den scheinbar vitalsten Sätzen, die dahin rennen wie gehetzt.
Eine Zeitlang dachte ich daran, eine Biographie über NICHELMANN zu schreiben und ihr ein systematisches Werkverzeichnis folgen zu lassen. Da über seine Vorfahren kaum etwas bekannt war, entschloss ich mich vor einem halben Jahr, nach Treuenbrietzen zu fahren und dort, in NICHELMANNS Geburtsort, das Taufregister zu suchen und seinem Familienstammbaum nachzugehen. Heute denke ich, dass der ungewöhnliche Ortsname vom Moment an, wo ich auf ihn stieß, etwas Vertrautes, aber tief Verborgenes in mir anklingen ließ, etwas Bedrohliches zugleich, das mich ebenso anzog wie abschreckte…

An einem schwülen Julitag verließ ich den Flughafen Berlin-Tempelhof, fuhr, eingezwängt zwischen schwitzenden Passagieren, mit der S- Bahn nach Wannsee hinaus und stieg in den Regionalzug um, der mich nach Treuenbrietzen brachte. Die brandenburgische Landschaft schien manchmal unbegrenzt, nur angeritzt vom nächsten Wald; dann wieder ging die Fahrt kilometerweit durch das Halbdunkel eines Baumtunnels. Der Fahrtwind kühlte mein Gesicht, und wenn der Zug im Freien war, konnte ich mich nicht satt sehen an den Wolkenformationen, die in unglaublicher plastischer Präsenz übers Land glitten.
Der Bahnhof von Treuenbrietzen schien mitten in der Landschaft zu stehen; hoch gewachsenes, gelb blühendes Unkraut überwucherte stillgelegte Geleise. Der gepflasterte Weg in die Stadt war lang; er führte an neuen Honda- und Renault- Niederlassungen, dann an renovierten Gründerzeitfassaden und halb zerfallenen Gebäuden vorbei, von denen das ehemalige Kino mit seinen zugenagelten Fenstern am meisten ins Auge stach. Ich liebe dich SS stand in kindlicher Schrift über einem der Rundbögen. Ältere Frauen überholten mich auf dem Fahrrad und wurden ihrerseits von Lastwagen mit polnischen Nummernschildern überholt. Das Rathaus im alten Ortskern hatte die Farbe von vergilbtem Zuckerguss, und der renovierte Pulverturm sah aus, als wäre er aus Kunststoff gesägt.
Ich logierte in einer Familienpension. Die Wirtin wies mir ein Eckzimmer zu und betonte, bei ihr seien alle sanitären Einrichtungen renoviert; darauf habe sie lange genug gewartet. Ich nahm eine Dusche im neu eingebauten Badezimmerchen, das so eng war, dass ich mich darin kaum drehen konnte, und ertrug das Dröhnen der Ventilation, die sich erst nach endlosen Minuten von selbst ausschaltete. Als es zu dämmern begann, verließ ich die Pension. Am westlichen Horizont hatten sich die Wolkenschwärme zu gebirgigen dunklen Massiven verdichtet. Ich fragte mich zur neuen Marktgasse durch und blieb, während ein böiger Wind aufkam, lange vor dem Haus Nummer Eins stehen. Den trostlosen Bau hatte man offensichtlich nach dem Krieg auf dem Fundament eines zerstörten errichtet. Auf der Gedenktafel an einer zugemauerten Tür las ich, dass hier Christoph NICHELMANNS Geburtshaus gestanden habe. Aber von seinem Geist war nichts mehr zu spüren; das achtzehnte Jahrhundert, dem er entstammte, war irgendwo zwischen Pflastersteinen versickert, hatte sich in Treuenbrietzens Abwässerkanälen mit den Ausscheidungen des zwanzigsten Jahrhunderts vermischt, war weggeschwemmt ins große Vergessen.

Am nächsten Morgen, nach einer Gewitternacht, saß ich im schmucklosen Besprechungsraum der Evangelischen Kirchengemeinde Treuenbrietzen, und der Archivar, mit dem ich von Bern aus einen Termin vereinbart hatte, brachte mir auf einem Aktenwägelchen Tauf-, Sterbe- und Heiratsregister der Jahre 1640 bis 1740, schwarz gebundene Bände im Oktavformat, und legte sie vor mir auf den Tisch. Er war ein dünner Mann, kaum über vierzig, und hatte Tintenflecken an Zeigefinger und Daumen. Ich sei ja nicht der Erste, der über NICHELMANN forsche, sagte er, aber seines Wissens habe noch keiner vor mir die Vorfahren namhaft zu machen versucht.
Als ich endlich allein war, schlug ich das Taufregister von 1717 auf, überprüfte den Eintrag, den ich aus der Literatur bereits kannte: Den 13. Augusti früh zwischen 5 und 6 Uhr ist Mr. Christoph NICHELMANN, Bürgers, Brauers und Tuchmachers Söhnelein geboren und den 15. Ij. getauft, Christoph. Nun hatte ich also das originale Zitat vor mir, diese verblichene Pastorenschrift auf vergilbtem, schwach liniertem Papier. Ich dachte an den weiß gekleideten Säugling auf den Armen der Patin und war gerührt. Christophs Mutter, so entnahm ich den Registern, hieß Catharine Elisabeth FREESDORF und verheiratete sich im Oktober 1713 mit Christophs Vater. Weitere Einzelheiten gaben die dürren Angaben nicht preis, weder die Zahl der Totgeburten noch aus was für einem Haus sie stammte. Ich suchte weiter, blätterte mich ohne Pause durch die Register. Gegen Mittag, nach zwei oder drei Stunden, fand ich das Geburtsdatum von Christophs Großvater, eines Peter NICHELMANN aus Niederwerbig, der sogar Kirchenvorsteher war. Unter den verzeichneten Heiraten sah ich nach, wer seine Frau war: Elisabeth GÖRRES, ebenfalls aus Niederwerbig… Noch für eine halbe Stunde blieb ich und wollte mich zur Weiterarbeit zwingen. Aber meine Hand gehorchte mir nicht; jeder Gedanke, den ich zu fassen versuchte, endete bei diesem einen Namen: GÖRRES. Warum habe ich ihn ausgerechnet hier wiedergefunden? GÖRRES, GÖRRES. So lange hatte ich nichts mehr von ihr wissen wollen…

Am zweiten Tag meines Aufenthaltes in Treuenbrietzen begann ich mit den Nachforschungen zu Frau GÖRRES; sie war über Nacht an die Stelle von Christoph NICCHELMANN getreten. Zum zweiten Male setzte ich mich, als einziger Gast, an den Frühstückstisch. Die Pensionswirtin sah mir an, dass ich kaum geschlafen hatte…
„Ist es eine Geschichte aus der Kriegszeit, der Sie nachgehen?“, fragte die Wirtin und korrigierte sich gleich: „Aber das kann nicht sein. Sie sind zu jung dafür. Jahrgang 53 oder 54, schätze ich, genau wie ich.“
„Auf die Kriegszeit geht die Geschichte trotzdem zurück“, sagte ich. „Wie auch immer, ich glaube, ich fahre jetzt am besten zurück nach Berlin.“
„Sind Sie schon im Heimatmuseum gewesen?“, fragte die Wirtin mit plötzlicher Schärfe. „Nein? Dann gehen Sie hin und lassen Sie sich erzählen, wie’s im Krieg war bei uns.“
„Warum ist Ihnen das so wichtig?“, fragte ich.
„Weil mein Großvater von den Sowjets erschossen wurde und mein Onkel von den Nazis. Und weil wir hier so lange lügen mussten. Verstehen Sie?“…
Ich flüchtete mit der Reisetasche aus der Pension und kam, auf dem Weg zum Bahnhof, am alten Turm vorbei, in dem das Heimatmuseum untergebracht ist. Bis zur Abfahrt blieb mir noch eine halbe Stunde; so trat ich ein und schaute mich um. Das Erdgeschoß war vollgestopft mit Fundgegenständen aus der Bronzezeit und dem frühen Mittelalter; Staub flimmerte im schräg einfallenden Sonnenlicht. „Kommen Sie herauf“, erklang eine Stimme von oben, „hier bin ich.“ Eine Wendeltreppe führte in die oberen Geschosse, die vollgestellt waren mit Vitrinen, Schränken, Bildern, Waffen. Im dritten Stock saß ein graubärtiger Mann hinter einer Theke mit Schriften zu Treuenbrietzens Geschichte. Hier war man im Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts angekommen. An den Wänden wurden mit plakatgroßen Fotos und Texten die Massaker dokumentiert, die am Kriegsende zuerst die abziehenden Nazitruppen, dann die Sowjets in der Stadt angerichtet hatten; die Opfer waren Kinder, Frauen und ältere Männer gewesen.
„Sehen Sie?“, sagte der Kustos, der mich genau beobachtete. „Im Krieg wird der Mensch zum Tier, unabhängig von jeder Ideologie.“
„Hätten Sie das vor dem Mauerfall auch schon gesagt?“, fragte ich.
„Selbstverständlich nicht“, antwortete der Kustos mit prustendem Lachen. „Unsere sowjetischen Befreier durften wir nicht anschwärzen, es hätte mich nach Bautzen gebracht.“
Ich kaufte eine Broschüre mit Augenzeugenberichten vom Frühling 45; in den Listen der Toten gab es einige NICHELMANNS, aber keine GÖRRES.
(Aus: Lukas HARTMANN, „Die Deutsche im Dorf“, Roman, FISCHER Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2007)

Erschienen in den Treuenbrietzener Nachrichten 04/08

Gib Deine Meinung ab!

Dein Kommentar