1903: Heimatforscher auf Steinwanderung bei Treuenbrietzen

bischofstein2 Die Pflegschaft des Märkischen Museums, welche vor zwei Jahren die Geschichtlichen Denkmäler Treuenbrietzens besichtigte, wird am Sonntage die bemerkenswertesten Findlingssteine des Fläming aufsuchen. Die Fahrt geht von der Station Frohnsdorf über Lüdendorf und die Schwabecker Rommel nach Luthersbrunnen (=das heutige Dietersdorf), sodann zum Finkenberg, Oken, nach Dorf Rietz und der FISCHER’schen Ziegelei. (ZBZ,16.08.03).

Geleitet wird die Pflegschaftsfahrt von Geheimrat E. FRIEDEL und Postrat STEINHARDT aus Treuenbrietzen. „Von Frohnsdorf begaben sich die Teilnehmer zunächst auf die Lüdendorfer Feldmark, wo der „Bismarck-Stein“, ein erratischer Block von 8,25 Meter Umfang, 3,2 Meter Länge und 1,7 Meter Höhe besichtigt wurde. Er liegt auf einer flachen Erhebung westlich der alten Straße von Treuenbrietzen nach Feldheim und ist der letzte der in dieser Gegend früher zahlreichen Findlingsblöcke, die nach und nach zersprengt und zu Bauzwecken verwendet sind. Der Bismarckstein war früher größer als jetzt, vermutlich ist ein Teil abgesprengt worden; jetzt soll der Block als Überrest der Eiszeit erhalten und mit Laubholz umgeben werden.

 

Der zweite Block, der besichtigt wurde, liegt auf der Feldmark des Dorfes Rietz, nördlich von Luthersbrunnen, unweit der Chaussee nach Treuenbrietzen, und trägt den Namen „Hirtenstein“. Er befindet sich am Rande eines Kieferngehölzes zwischen Heidekraut und hat einen Umfang von 10,2 Meter, eine Länge von 3,2 Meter und eine Höhe von 1,4 Meter, doch ist auch er früher noch größer gewesen. Bohrlöcher, Sprengrisse und scharfe Abkantungen lassen erkennen, dass beträchtliche Teile abgesprengt sind, – nach der Überlieferung Stücke von drei Meter Länge, auf denen Zeichen eingehauen waren. Jetzt sind derartige Zeichen, die vielleicht auf kulturelle Benutzung in heidnischer Zeit hindeuten könnten, nicht bemerkbar; doch deutet das Volk die Reste der Bohrlöcher als Fingerabdrücke des Teufels, der die Kirche in Rietz, nach anderer Überlieferung die in Treuenbrietzen, zerschmettern wollte, der Stein heißt deshalb auch der „Teufelsstein“. Den Namen „Hirtenstein“ führt er, weil hier die Hirten der umliegenden Dörfer zu Besprechungen zusammenkamen. In gleicher Höhe jenseits der Chaussee liegen die „Schneidersteine“, auch „Schwedensteine“ genannt, zwei durch einen 30 Zentimeter breiten Spalt getrennte Blöcke von 8 und 9,75 Meter Umfang, von 3,5 Meter bzw. 4,1 Meter Breite und 1,5 Meter Höhe. Von diesen Steinen, an denen sich keine Anzeichen kultureller Benutzung finden, erzählt das Volk folgende Sage: Einst trafen sich hier zwei Hexenmeister, die ihre Kraft aneinander erproben wollten. Der eine, ein Schmied, reichte dem anderen, einem Schneider, eine Flasche, die er behext hatte und aus der sein Zauberkollege nicht trinken konnte; darauf nahm der Schneider, um seine Kunst zu beweisen, eine Elle und schlug den großen Stein mitten durch. Seitdem ist der Block gespalten und die Steine heißen „Schneidersteine“. Der interessanteste unter den erratischen Blöcken in der Umgegend von Treuenbrietzen ist der „Bischofsstein“, der südöstlich vom Dorfe Neu- Rietz auf den „Oken“, einer mit Ginster und Heidekraut dicht bewachsenen Sandfläche, liegt. Er hat eine Länge von 3,1 Meter, eine Höhe von 1,12 Meter über dem Erdboden und einen Umfang von 8,55 Meter und weist außer verschiedenen eingemeißelten Figuren auf seiner oberen Fläche mehrere „Näpfchen“ auf, die darauf hindeuten, dass der Stein in heidnischer Vorzeit zu kulturellen Handlungen benutzt worden ist.“ (ZBZ,28.08.03)

„Die Näpfchen auf der oberen Seite des erratischen Blockes sind in der Größe eines Fünfmarkstücks in den harten Granit eingetrieben und stammen nach der Ansicht des Geheimrats FRIEDEL aus heidnischer Zeit, in der sie als Weih- und Salbnäpfchen bei Opferungen gebraucht wurden. Man hat es also bei dem „Bischofsstein“ mit einer alten Kultstätte zu tun, deren Bedeutung in historischer Zeit noch anerkannt wurde und deren geheimnisvolle Wichtigkeit auch jetzt noch nicht ganz entschwunden ist, denn die alten Salbnäpfchen werden vom Landvolke noch beständig zu abergläubischen Zwecken benutzt. Der Tau oder das Regenwasser, das sich in den Näpfchen sammelt, wird zu Heilzwecken verwendet; ferner legt man kleine Münzen, denen man eine Krankheit „angepustet“ hat, in die Näpfchen, um Heilung zu erlangen. Die christliche Geistlichkeit, der die kulturelle Bedeutung und das Ansehen des Findlingsblockes bekannt war, wusste, wie schwer derartige Anschauungen unter den neu bekehrten Wenden auszurotten seien; deshalb suchten sie den Stein durch eine besondere Weihung in ein christliches Heiligtum umzuwandeln, und diesem Umstande verdanken vermutlich die beiden auf den Längsseiten eingemeißelten geraden Kreuze ihren Ursprung. Ob ein Bischof diese Weihe vorgenommen und der Stein daher den Namen hat, lässt sich nicht feststellen. Nach einer Erzählung soll der Name „Bischofsstein“ daher stammen, dass ein Bischof von Magdeburg den zu einem Kreuzzuge gegen die Wenden  versammelten Truppen an dieser Stelle das Abendmahl spendete, wobei der Stein als Feldaltar benutzt wurde. Nach einer anderen Erzählung soll unter dem Stein ein Bischof begraben liegen, der auf der Reise gestorben ist, und schließlich erzählt man, dass ein Bischof hier den Hussiten das Abendmahl gereicht hat, und dass bei dieser Gelegenheit ein Kelch und ein Kreuz mit geschweiften Armen (Johanniterkreuz) in die nördliche Längsseite eingemeißelt worden seien. Ferner sollen die Schweden an dem Stein zu einer Abendmahlsfeier versammelt gewesen sein und in der Franzosenzeit soll der Pfarrer von Rietz hier Gottesdienste und Kommunion abgehalten haben, weil der abgelegene Heidefleck der sicherste Ort dafür war.“ (ZBZ,29.08.03)

Gefunden von: Ernst- Peter RABENHORST

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