Eine Treuenbrietzenerin erzählt

( von Elli Gabka geb. Keil, Wolfsburgl)

Auch ich bin ein Sabinchen aus Treuenbrietzen. Am 6. Juni 1920 in der Nagelgasse Nr. 9 (Scheerer/Schildhauer) geboren. Ich erlebte eine fröhliche Kindheit. Meine beiden Freundinnen Ruthchen Herrmann (Mahler) und Hilde Schröder (Gericke) hatten gemeinsame Interessen. Wir holten uns aus dem Textilgeschäft Hinze in der Nagelgasse Puppenlappen und nähten für unsere Puppen Puppenkleider. Da saßen wir bei Kilzmanns auf der Holztreppe und ließen uns von der Sonne bescheinen. Sonst spielten wir vor dem Fleischergeschäft Wolf mit unserem Kreisel mit Schnur und kleiner Stange. Auch Reifen mit Stöckchen war unsere Beschäftigung.
Zu Fell-Haase in der Nagelgasse brachten wir die Kaninchenfelle. Der Großsohn hatte hier in Wolfsburg ein Geschäft. Ich kannte ja noch den Opa Otto Haase und seine Frau. Auf der Breite Str. gab es Fell-Wolf, aber da gab es 5 Pfg. weniger, das war ja immerhin eine Eistüte weniger. Irmgard Grieß war ebenfalls ein Mädchen aus der Nagelgasse, aber sie hatte wohl andere Interessen. Sie besaß eine wunderbare Handschrift, die heute noch in meinem Album steht.

Von ihrem Erbgeld kaufte meine Mutter ein Gartengrundstück in der Steinmühlenstraße 128. Das wurde meine zweite Heimat. Spargel, Erdbeeren, Gemüse, Kartoffeln, Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Pflaumenbäume, alles wuchs darin. Dort hatte ich auch einen Kinderfreund, den Artur Schulz. Wir spielten Mann und Frau und Kinder. Wir kochten uns Süppchen aus allem Gemüse (es wurde natürlich alles roh gegessen). Dann kam die Zeit 1925-26 als die Bahn abbaute und mein Vater entlassen wurde. Er war Schrankenwärter und hatte die Schranken in der Steinmühlenstraße zu bedienen. Wenn wir zum Straßenwärterhäuschen gingen mussten wir unter der „Esel-bück-dich-Brücke“ hindurch. Dort spielte ich mit meiner Großcousine am Geländer, es floss ja ein kleiner Bach – die Trift.

Mein Vater musste sich neue Arbeit suchen. Er fing mit dem Handel an. Mit Pferd und Wagen fuhr er über die Dörfer, holte Eier und Obst von den Bauern und nahm dafür Heringe im Fass, Margarine und Apfelsinen mit. Den Wagen und das Pferd stellte er bei seiner Tante, Frau König, in der Grünstraße unter. Freitagabend wurden dann Eierkisten, Körbe mit Obst und sogar lebende Hühner zu Heinrichs in der Grünstraße Ecke Töpfergasse gebracht, dort auf einen Lastwagen geladen und Sonnabend früh um 5:00 Uhr ging es dann nach Potsdam zum Markt. Ich war auch einmal mit. Dort legte noch ein Huhn ein Ei. Die Leute waren ganz wild auf das frische Ei. Die Hühner wurden ausgesucht und von meinem Vater der Kopf abgehackt. Das sind alles Erinnerungen, die man nicht vergisst.

Vater baute uns auf dem Grundstück meiner Mutter ein Haus, welches heute noch steht. Leider ging der Handel 1932 zu Ende. Das Haus musste auch versteigert werden. Es ging an Herrn Mannsfeld. Bis 1934 wohnten wir noch dort. Mein Bruder Horst wurde hier geboren, ich bei Pastor Leonhard konfirmiert und meine Schwester Edith kam zur Schule. Pastor Leonhard hatte mich schon getauft, mich konfirmiert und meine Hochzeit gesegnet.

Nun hätte ich ja bald meine Schulzeit vergessen. 1926 kam ich zur Schule bei Herrn Wache. Leider nur ein Jahr, dann starb er., Wir Schulkinder waren alle auf seiner Beerdigung, oben an der westlichen Mauer des Friedhofes. Wir waren eine gemischte Klasse, also Jungen und Mädchen. Annemarie Schmietz, Lieselotte Bathe (die immer weinte, wenn die Mutter weg ging), Gerda Wiedecke , Margarete Angermann, Elke Neumann (von Püppi Neumann adoptiert) und ich. Otto Senf, Herrmann Wiedecke, ein Georg aus der Vogelgesangstraße, an die anderen kann ich mich nicht mehr erinnern. Nun bekamen wir Fräulein Probst, eine liebe nette Lehrerin. Die letzten beiden Jahre hatten wir bei Herrn Thiede.

Dann kam meine Jugendzeit. Gern hätte ich Schneiderin gelernt, aber meines Vaters Verwandte sagten: „Die lot sich man erst wat verdien“. So bin ich in einem Haushalt als Haushaltsgehilfin gelandet. Zuerst war ich bei der Familie Geck (Apotheke Schreiber) mehr als Kindermädchen. Sie hatten drei Kinder, die Bärbel, die Ingrid und klein Dieter. Ich spielte ihnen immer Kasperletheater vor.
Danach kam ich zum Zahnarzt Dr. Löpelmann, dort war ich Mädchen für alles. Morgens Feuer in allen Öfen machen, Wohnung säubern, Instrumente auskochen, einkaufen, Patienten anmelden und mit zur Schulzahnpflege gefahren. Über einem Spirituskocher wurden die Spritzen ausgekocht, Novocoin  hieß wohl die Tablette. Spritzen aufziehen, Amalgan und Quecksilber anrühren, auch Porzelanfüllungen gehörten zu meinen Aufgaben.
Sonnstags ging es dann zum Tanz ins Schützenhaus zu Muttchen Linke. Dort lernte ich auch meinen Mann kennen, den ich 1940 heiratete. Wir zogen nach Wesendorf, wo mein Mann stationiert war. Zur Geburt meines ersten Kindes fuhr ich wieder nach Treuenbrietzen. Das war 1941. Beim zweiten Kind war es nicht anders, da ich in Wesendorf keinen hatte, der mich pflegen konnte. Mein Mann war in Finnland.  14 Tage bevor sie Potsdam bombardierten haben mein Töchterchen und ich im hochschwangeren Zustand dort noch eine Nacht auf dem Bahnhof verbracht.
Nachdem ich die vielen Berichte über die Flucht gelesen habe, muss ich auch meinen Kummer nach 62 Jahren los werden.

Am 18. Dezember wurde mein Sohn im heutigen Gymnasium (damals Krankenhaus) geboren. Ich wollte ja im März – April wieder nach Wesendorf, aber meine Mutter ließ uns nicht weg. „Warte bis der Artur kommt und euch holt“. So wurde es dann April. Am 15. April bombardierten sie Treuenbrietzen, abends hieß es die Russen sind zwischen Leipzig und Dresden durchgebrochen. Das war eine Aufregung. Wir packten unsere Sachen und ich den Kinderwagen und zogen los in Richtung Wittenberg. Bei Dietersdorf mussten wir über eine Panzersperre, dann nach Schwabeck. Dort übernachteten wir. Da aber mein Onkel Bürgermeister und Ortsbauernführer war, konnten wir nicht bleiben. Über Lüdendorf wollten wir wieder zurück. Aber da hieß es, ihr könnt nicht nach Treuenbrietzen zurück, da wird scharf geschossen. Meine Schwester Edith kam mit dem Rad nach. Mein Vater blieb im Haus, aber sie mussten ja alle raus in Richtung Osten. Meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich sowie meine dreijährige Tochter und Joachim im Kinderwagen kamen in „Olle Siele“, so wurde Lüdendorf früher genannt, an. Wir fanden ein gutes Quartier mit 22 Personen im Haus, schliefen auf dem Fußboden. Unsere Federbetten hatten wir ja mit. Dann kamen die Russen ins Haus. Eine Frau mit zwei Mädchen – „Frau komm mit“ – die 14jährige musste mit. Sie kam wieder, „nein, nein es gibt keinen lieben Gott“. Jetzt packten wir wieder unsere Sachen und raus in den Wald. Dabei war eine hochschwangere Schulfreundin, die Elsbeth Henkel mit zwei Buben. Ihre Mutter  in anderer Richtung mit dem Kinderwagen. Der Vater war bei uns.  Wir machten uns ein Lager mit Decken und Mänteln im Wald zurecht und aßen etwas. Über uns flogen die Kugeln hinweg. Nach einer Stunde sagte die Elsbeth: „Elli, es ist da“. Ein kleines Mädchen ward geboren. Was nun? Vor 14 Tagen hatte ich noch im Doktorbuch gelesen, dass man im Notfall helfen darf. Den Nabel abbinden und 10-12 cm die Nabelschnur abschneiden. Mit Nabelbinden abgebunden und mit dem Küchenmesser abgeschnitten. Unterwegs im Wald hatten wir noch einen Wäschekorb gefunden. Im Kinderwagen hatte ich noch eine Strohmatratze, Hemdchen und Jäckchen, Windeln und Unterlagen von unserem Jungen. Leider nichts zum zudecken. Da zog der Opa sein Jackett aus und deckte die Kleine zu. So blieben wir die eine Nacht. Was sollten wir machen, die Wöchnerin konnte nicht bleiben und ich hatte auch keine Milch für unseren Jungen. So mussten wir wieder zurück ins Dorf. Die Wöchnerin und ihr Kind wurden von der Hebamme versorgt.
Ich hatte auch alles richtig gemacht. Nun kamen auch Frau Henkel, die Mutter, und Frau Ruhle (Fleischersfrau) wieder.

Nachdem sich alles etwas beruhigt hatte, ging es dann durch den Wald zurück zu unserem Haus, Bölkestraße 16 (jetzt Rudolf-Virchow-Straße). Da gab es noch viele Überraschungen, aber davon ein anderes Mal.

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