Aus der Chronik der Stadt Treuenbrietzen

Vor kurzem konnte Herr Ernst-Peter Rabenhorst den 1. Teil der „Chronik der Stadt Treuenbrietzen“ im Rathaus seinem Publikum vorstellen. Diese Chronik ist eine Anknüpfung an die bereits 1871 veröffentlichte Chronik von Nathanael Pischon.
Sie ist interessant zu lesen und in der Buchhandlung Treuenbrietzen käuflich zu erwerben.

Bürgermeister Hempel und die Zeit nach der März-Revolution (1848-1853)
Auszug aus der Chronik der Stadt Treuenbrietzen Teil I (1848 – 1917) von Ernst-Peter Rabenhorst, erschienen 2009, Treibgut Verlag Berlin, ISBN 978-3-941175-09-9

Suspendierung von Bürgermeister HABERLAND
Zum ersten Mal erheben die Stadtverordneten im Revolutionsjahr 1848 nachdrücklich ihre Stimme. Sie fordern disziplinarische Untersuchungen gegen den damaligen Bürgermeister HABERLAND. Anfang Februar 1848 wird HABERLAND von der Königlichen Regierung suspendiert und Wilhelm HEMPEL als interimistischer Bürgermeister eingesetzt. Gleichzeitig weist die königliche Regierung an, dass dem suspendierten Bürgermeister HABERLAND nur die Hälfte seines Gehaltes zu zahlen ist. Die andere Hälfte soll dem interimistisch eingesetzten früheren Bürgermeister von Oranienburg Johann Friedrich Wilhelm HEMPEL zusätzlich zu dessen Diäten gezahlt werden.
Da sich aber lange Zeit nichts bewegt, richten die Stadtverordneten am 26.Mai 1848 einen „Notschrei“ an die Königliche Regierung. Darin heißt es:
„Im November v. J. veranlasste die Königl. Regierung zu Potsdam, auf Antrag der Stadtverordnetenversammlung , eine genaue Revision, der auf eine grenzenlose Weise verlüderten hiesigen Geschäftsverwaltung des Magistrats. – Die Königl. Regierung suspendierte den Bürgermeister HABERLAND, Anfang Februar d. J., angeblich wegen grober und anhaltender Amtsvernachlässigungen, hat sich indes bis jetzt, also nach Verlauf von circa 4 Monaten, noch nicht genötigt gesehen, in dieser Disziplinar- Untersuchung ein Urteil zu fällen, und den nachlässigen Beamten, entweder nach dem Gesetz vom 29sten März 1844 abzusetzen, oder aber, was nach den Vorlagen kaum glaubbar ist, ihn wiederum einzusetzen.
Durch dies Verfahren aber erwachsen unserer Stadt nicht allein doppelte Kosten, sondern sie steht jetzt, in den Zeiten der Gefahr und Unruhe auch, trotzdem sie sogar 2 Bürgermeister, nämlich einen suspendierten und einen stellvertretenden hat, eigentlich ohne Oberhaupt da. – Seit 4 Monaten haben die Stadtverordneten die Königl. Regierung 4 mal schriftlich, und mehrere Ober- Regierungsräte und den Herrn Oberpräsidenten von MEDING durch eine Deputation mündlich, um die höchste Beschleunigung, dieser für unsere Stadt so hochwichtigen Angelegenheit dringend ersucht, demohnerachtet gelangt diese nicht um einen Schritt weiter; auf die letzte Eingabe an die Regierung, vor 3 Wochen abgegangen, erfolgte nicht einmal ein Bescheid.
Wohin soll dies Verfahren der Behörde führen? Rufen dieselben nicht gewaltsamerweise Beschwerden und Unzufriedenheiten der Untertanen hervor, wenn sie höchst wichtige Sachen solange verschleppen? oder haben diejenigen Unterbeamten, welche goldene Uhren und silberne Service geschenkt bekommen, wirklich den Einfluß und so lange Arme, dass sie die angeblich getroffenen Entscheidungen der Behörden, verschleppen und verzögern können? O, dann steht es noch mit Preußen sehr schlecht.“ (Veröffentlicht in der Beilage zur Königlichen privilegierten Zeitung vom 30.Mai 1848).
Am 15.Juni 1848 wendet sich auch der Magistrat an die Königliche Regierung in Potsdam: „Die Zeiten werden anscheinend immer verwickelter und trüber, wir haben daher den dringenden Wunsch, dass wir endlich wieder ein festes Oberhaupt in hiesiger Stadt erhalten, bitten Euer Königliche Hochlöbliche Regierung daher hiermit ganz gehorsamst nochmals, das Entlassungsgesuch des bisher suspendierten Bürgermeisters HABERLAND vom 2-ten d. Mts. hochgeneigtest recht bald an unsere Stadtverordnetenversammlung gelangen zu lassen, damit eine neue Wahl umgehend erfolgen kann.“

Wilhelm HEMPEL wird Bürgermeister
Schließlich wird von der Königlichen Regierung die Wahl eines neuen Bürgermeisters auf den 8.Juli 1848 festgesetzt. Es gibt drei Kandidaten:
1. Den interimistischen Bürgermeister HEMPEL
2. Bürgermeister KARSCH aus Luckenwalde
3. Bürgermeister JÄNICHEN aus Niemegk.
Alle Kandidaten hatten ihre Unterlagen zuvor eingereicht und sich vor dem Wahltermin in der Stadtverordnetenversammlung vorgestellt. Zur Wahlhandlung sind sämtliche 24 Stadtverordneten erschienen. Auf HEMPEL entfallen 21 Stimmen, er ist damit für die nächsten 6 Jahre zum Bürgermeister gewählt. Nach der Bestätigung durch die Königliche Regierung leistet Wilhelm HEMPEL am 5.August 1848 in einer außerordentlichen Magistrats- Sitzung als Bürgermeister von Treuenbrietzen seinen Amtseid: "Ich Johann Friedrich Wilhelm HEMPEL schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden daß, nachdem ich zum Bürgermeister von Treuenbrietzen bestellt worden, seiner Königlichen Majestät von Preußen unseres allergnädigsten Herrn, untertänig, treu und gehorsam sein und alle mir meines Amtes obliegenden Pflichten nach meinem besten Wissen und Gewissen genau erfüllen will. So wahr mir Gott helfe durch seinen Sohn Jesum Christum. Amen."
Zu den lange Zeit nachwirkenden Leistungen von Bürgermeister HEMPEL gehört die Anregung, in Treuenbrietzen eine Stadtsparkasse zu gründen. Sie nimmt am 2.Januar 1851 unter Leitung des Kämmerers ihre Arbeit auf. Für Kämmerei und Sparkasse wird ein feuer- und diebessicherer Tresor angeschafft.
Doch bereits im März 1853 lädt Bürgermeister HEMPEL zu einer Collegiumssitzung ein und teilt dort mit, dass er schon bald aus dem Amt ausscheiden werde. Am 14. April 1853 verlässt er Treuenbrietzen, um künftig in der pommerschen Hauptstadt Stettin als Stadtrat tätig zu sein. (BLHA, Rep. 8 Treuenbrietzen Nr. 148).

Bürgermeister HEMPEL wird erster Ehrenbürger
Auch wenn er nur fünf Jahre in Treuenbrietzen wirkte, weiß die Stadt doch, was sie ihrem Bürgermeister HEMPEL zu verdanken hat. Und so nimmt es nicht Wunder, daß sie seine besonderen Verdienste um die Stadt mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft würdigt. In der Begründung des Magistrats vom 15.März 1858 heißt es dazu:
Der ehemalige Bürgermeister HEMPEL wurde im Februar 1848 von der königlichen Regierung als interimistischer Verwalter des Bürgermeister- Amtes nach Treuenbrietzen gesandt, „um die total vernachlässigte städtische Verwaltung wieder in Ordnung zu bringen.“ Er brachte wieder Ordnung in die städtische Registratur und ordnete auch die anderen Zweige der städtischen Verwaltung. Die Stadtverordnetenversammlung schätzte seine Arbeit und wählte ihn bald darauf zum Bürgermeister hiesiger Stadt. Dieses Amt behielt er bis zu seinem Abgang nach Stettin am 15.April 1853. Neben seinen dienstlichen Aufgaben fand er noch Zeit, solche gemeinnützigen Anstalten wie die Sparkasse ins Leben zu rufen. Das alles macht ihn würdig, in unserer Stadt den Reigen mit der Ehrenbürgerschaft zu eröffnen.
Die Stadtverordnetenversammlung stimmt dem Vorschlag am 20.März 1858 zu und schlägt zusätzlich vor, die Ehrenbürgerurkunde in Stettin durch eine gewählte Deputation der Stadt Treuenbrietzen zu überreichen, die aus je zwei Mitgliedern des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung besteht. Der Magistrat billigt den Zusatzvorschlag, verknüpft das aber mit der Bedingung, dass die Deputation die notwendigen Repräsentationsmittel erhält, um die Stadt in würdiger Weise vertreten zu können. Das betrifft sowohl die Anreise als auch die Unterbringung in Stettin, das ja bekanntlich eine teure Stadt ist. Dafür soll jeder Deputierte zusätzliche Diäten in Höhe von 20 Talern erhalten, wovon er alle Kosten bestreiten muß. Als geeigneten Termin der Übergabe schlägt der Magistrat den 5.Juni vor, da an diesem Tage Wilhelm HEMPEL seinen 48.Geburtstag begeht. Die Stadtverordnetenversammlung nominiert für die Deputation die Herren SCHWARZSCHULZ und SCHEER, der Magistrat entsendet Bürgermeister ROSENTHAL und den Beigeordneten KRÜGER.

Die Ehrenbürgerurkunde soll der Königliche Hof- Kalligraph Ernst SCHÜTZE anfertigen. Er teilt am 7. Mai 1858 mit, dass er für die in Aussicht gestellten 30 Taler nicht in der Lage sei, die Urkunde mit Arabesken oder Allegorien zu garnieren. Stattdessen schlägt er eine kalligraphisch ausgeführte Urkunde vor, in „groß Folio auf Pergament mit schön gemaltem Wappen nebst dazu gehörigem reich vergoldetem Einbande in Sammet und vielleicht roter Farbe.“ Sollten die gewünschten Attribute der Landwirtschaft und Jagd hinzugefügt werden, wie es der Magistrat vorschlägt, würde sich der Preis auf 50 Taler erhöhen. Nachdem der Magistrat diesem Vorschlag mit Schreiben von Bürgermeister ROSENTHAL vom 8.Mai 1858 zugestimmt hat, übersendet Ernst SCHÜTZE am 2.Juni die fertige Urkunde. Bereits am 5.Juni erhält er die zugesagten 30 Taler für seine Arbeit.

Am gleichen Tage berichtet die „National- Zeitung“ aus Stettin: In der heutigen Sitzung des Magistrats wird dem Stadtrat HEMPEL eine besondere Ehrung zuteil. Durch eine Deputation der Stadt Treuenbrietzen unter Leitung von Bürgermeister ROSENTHAL wird ihm für seine segensreiche Tätigkeit als Bürgermeister von Treuenbrietzen das Ehrenbürger- Diplom verliehen. Die Urkunde wurde vom Hof- Kalligraphen SCHÜTZE in Berlin äußerst geschmackvoll angefertigt. „Am Schlusse des Aktes brachte der Bürgermeister ROSENTHAL ein Lebehoch auf seine Majestät den König aus, in welches alle Anwesenden begeistert einstimmten.“
Der Ehrenbürgerbrief hat folgenden Wortlaut:
„ Wir Bürgermeister, Beigeordneter und Ratsherren der königlich preußischen Stadt Treuenbrietzen urkunden und bekennen hiermit, daß wir auf den Antrag der hiesigen Stadtverordnetenversammlung dem Manne unsere Hochachtung und Liebe, welcher mit klarem Blute, treuem Eifer und festem Willen in einer bewegten Zeit nämlich in den Jahren 1848 bis 1853 zum Besten unserer Stadt gewirkt und ihrer Verwaltung in rastloser Arbeit getreulich vorgestanden, auch das Gemeinwohl durch zweckmäßige Einrichtungen und Anstalten gefördert, und somit, ohne sich durch Widerwärtigkeiten und Anfechtungen mancher Art in seinem Streben beeinflussen zu lassen, in seiner Stellung Segen gestiftet und sich ein Anrecht auf unsere Anerkennung erworben hat, Herrn Johann Friedrich Wilhelm HEMPEL, königlicher Hauptmann a. D. vormals Bürgermeister hier selbst, jetzt Stadtrat zu Stettin, kraft unserer Eigenschaft als Ortsobrigkeit durch gegenwärtige Verleihungsurkunde das Ehrenbürgerrecht hiesiger Stadt mit allen damit verbundenen Gerechtsamen als ein Zeichen unserer Dankbarkeit und Verehrung erteilt haben.
Urkundlich und mit der Stadt Insiegel und unserer Unterschrift ausgefertigt.
So geschehen Treuenbrietzen, den 5. Juni 1858.“
Am 11.Juli 1858 bedankt sich Ex- Bürgermeister HEMPEL für die ihm überreichte Auszeichnung. Er habe seinen Dank der Stadt Treuenbrietzen gern persönlich übermitteln wollen, erhielt aber aus dienstlichen Gründen keinen Urlaub. Von der Verleihung des Ehrenbürgerrechts sei er zutiefst überrascht gewesen. Er glaube, dass er nur seine Pflicht getan habe. Eine doppelte Auszeichnung für ihn sei es, dass er der erste Ehrenbürger der Stadt Treuenbrietzen ist.

Auch 25 Jahre später, als Wilhelm HEMPEL im Juli 1883 stirbt und auf dem Garnisonfriedhof zu Berlin in der Linienstraße beigesetzt wird, ist er in Treuenbrietzen noch in guter Erinnerung. Auf Vorschlag des Beigeordneten Carl August PAUCKERT übermitteln Magistrat und Stadtverordnetenversammlung der Familie des Verstorbenen am 6.August 1883 ein Beileidsschreiben. Darin heißt es u. a.: „Der Verewigte hat sich zur Zeit, wo derselbe lange Jahre hindurch als Bürgermeister unsere Communal- Angelegenheiten in so ausgezeichneter Weise ordnete und leitete, durch seinen ehernen treuen Fleiß, seine große Umsicht und Sachkenntnis einen ruhmvollen unvergänglichen Ehrenplatz in den Annalen unserer Stadtverwaltung gesichert, so wie er uns allen durch seinen hochachtbaren edlen Charakter und sein mustergültiges Familien- Leben ein leuchtendes Vorbild gewesen ist.“ (BLHA, Rep. 8 Treuenbrietzen)

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