Sabinchen in Brachwitz

Es ist seit einigen Jahren zu einer schönen Tradition geworden, dass ein Tag der Sabinchenfestspiele in einem der Dörfer stattfindet, die jetzt als Ortsteile zur Stadt Treuenbrietzen gehören. In diesem Jahr wanderte „Sabinchen“ nach Brachwitz.

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Ortschronist Helmut RUHLE  vor der Ausstellung zur Dorfgeschichte

Zunächst ging es in den Mittelpunkt des Dorfes, in die Kirche. Dort erwartete Ortschronist Helmut RUHLE am 20.Juni ab 11.00 Uhr bereits ungeduldig die Gäste. Er hatte drei Ausstellungen vorbereitet, um über Besonderheiten der Ortsgeschichte zu informieren. Die zentrale Ausstellung befindet sich vor dem Altar der Kirche. Sie zeigt die Originalfotos von zwei Kaseln und erläuternde Informationen zur Geschichte der Kaseln. Die beiden aus dem späten Mittelalter stammenden Kaseln, die den Priestern als liturgische Gewänder dienten, waren hinter dem Altar der Brachwitzer Dorfkirche so sorgfältig versteckt worden, dass sie dort die Jahrhunderte überdauerten und erst Ende des 20.Jahrhunderts bei Sanierungsarbeiten in der Kirche wieder zum Vorschein kamen. Heute lagern die beiden Kaseln als wichtige und nur schwer zugängliche Ausstellungsstücke im Domstiftsarchiv des Doms zu Brandenburg. Ortschronist Helmut RUHLE gelang es nach beharrlichen Bemühungen, die Erlaubnis zum Fotografieren zu erhalten, sodass er anlässlich der Sabinchenfestspiele in der Lage war, die Originalfotos der beiden Kaseln mit Schenkungsurkunde an die Kirchengemeinde zu überreichen.

clip_image002[5]Kasel- Foto mit Schenkungsurkunde

Eine zweite Ausstellung im Kirchenraum hat Helmut RUHLE gemeinsam mit Günter KAUSMANN vorbereitet, der sich anschickt, das Werk des Ortschronisten fortzuführen. Auf mehreren Tafeln stellen sie heimatgeschichtliche Vorarbeiten für die Erarbeitung einer Chronik des Dorfes Brachwitz vor. Zu sehen ist u. a. das Dokument über die 1327 erfolgte Ersterwähnung von Brachwitz im Treuenbrietzener Schöppenbuch in der Übersetzung von Dr. FALK. Hinzu kommen Berichte über die Ableitung des Namens „Brachwitz“ vom altsorbischen Wort „brat“, das für „Bruder“ steht, und über die Verwendung des Raseneisensteins beim Bau der Brachwitzer Dorfkirche.  Ausgestellt sind auch Fotos, die die Brachwitzer Lehrer DRESKE und BÄR hinterlassen haben.

clip_image002[7]Fotos der Kaseln auf dem Altar vor der Kanzel

Die dritte Ausstellung des Ortschronisten befindet sich im Eingangsbereich der Kirche und dokumentiert eine Episode aus der jüngsten Geschichte des Ortes. Es handelt sich dabei um die Auswirkungen des Wirbelsturms KYRILL,  der in und um Brachwitz besonders schwere Schäden anrichtete. Zahlreiche Gebäude wurden zerstört, über 32 Hektar Wald erlitten Totalschäden und mussten neu aufgeforstet werden. Für diese Ausstellung sammelte Helmut RUHLE  Bilder, Fotos und Dokumente aus mehreren Quellen. Da sind die Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes, die darstellen, wie „Kyrill“ vom Atlantik kommend über Europa hinwegraste und eine Spur der Verwüstung hinterließ. Da sind die Berichte von Oberförster TIPPMANN aus Borkheide, der die Waldschäden registrierte. Da sind die Dokumente über die gefahrvollen Einsätze der Freiwilligen Feuerwehr am Katastrophenabend, die die durch umgestürzte Bäume versperrten Verbindungsstraßen nach Brachwitz wieder frei räumten. Und da sind nicht zuletzt die vielen Fotos, die die Brachwitzer Bürger zur Ausstellung beigesteuert haben.
 

clip_image002[9]Bildtafeln der Kyrill- Ausstellung im Vorraum der Kirche

Ferdinand RÜGER begleitete die Ausstellungen mit einer Orgelvorführung und einem kleinen Orgelkonzert. In den Pausen zwischen den Orgelstücken tragen Günter KAUSMANN und der Pfarrer i. R. Volker KUNICK geistliche Gedichte der Brachwitzer Bauersfrau Elsa EULENBURG vor, die kürzlich durch Zufall gefunden wurden.
 

clip_image002[11]Günter KAUSMANN und Pfarrer KUNICK beim Vortragen der Gedichte

Aber nicht nur die Kirche leistete ihren Beitrag zum „Brachwitz- Tag“ von Sabinchen. Das ganze Dorf war einbezogen, zahlreiche Bewohner hatten ihre Höfe geöffnet, um es den Besuchern aus Nah und Fern möglich zu machen, einen Blick hinter die sonst verschlossenen Mauern zu werfen. Ortchronist RUHLE gab bereitwillig zusätzliche Auskünfte zu den einzelnen Höfen. Der Rundgang durchs Dorf beginnt bei René BESCHNITT, dem Chef der Nieplitztaler Musikanten. Ein farbiges Wandbild an seinem Hause legt Zeugnis davon ab, wer seine großen Vorbilder sind: die Kastelruther Spatzen. Zünftig werden die Gäste dort mit Blasmusik zu einem Frühschoppen begrüßt
Dann geht es zum Haus Nr. 17, direkt gegenüber der Kirche. Hier befand sich bis  Ende der 60-er Jahre des vorigen Jahrhunderts die alte Dorfschule. Danach wurde das ehemalige Schulgebäude bis Mitte der 90-er Jahre als Gemeindehaus mit großem Vereinsraum genutzt. Heute gehört das Anwesen Herrn PFAU, der für Sabinchen seinen Hof in eine Weinstube, ein Kasperle-Theater und einen Trödelmarkt verwandeln ließ.

Das Haus Nr. 24 diente bis 1961 als Gaststätte. Nachdem der Besitzer in den Westen Deutschlands gegangen war, zog dort die  LPG mit einem Schweinestall ein. Heute bewirtschaftet die Familie HÖROLD in ökologischer Weise den Hof, dessen größte Attraktion die Hirsche sind. Am Fest beteiligten sie sich mit dem Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse, darunter insbesondere die aus eigenen Erdbeeren hergestellte Bowle.

Wer den Hof von Bruno WILLE (Nr.35) betritt, stößt auf eine Sammlung alter Mopeds, Oldtimer und Fahrräder. Angefangen hat er mit dem Sammeln, als er in Belzig im Rahmen einer ABM Fahrräder zu reparieren hatte. Die Beteiligung am Sabinchen- Tag ist die erste öffentliche Ausstellung des Mannes, der heute als „Ein- Euro- Jobber“ mit dafür sorgt, dass die Stadt ihr sauberes Aussehen behält.

Die Gastwirtschaft von Christa MÜLLER (Nr. 38) ist noch heute in Betrieb. Sie lädt zum Spargelessen ein, während vor der Gaststättentür ein Mini-Trödelmarkt seine Waren ausgestellt hat. Weiter geht es in das Innere des Vierseithofes von RESCHKE (Nr. 39), wo noch heute vier Generationen unter einem Dach zusammenleben. Es folgt ein weiterer sehr gut erhaltener Vierseithof (Nr. 44), der der Familie STEINBERG gehört. Der Jagdpächter zeigt dort eine kleine Wildausstellung und serviert dazu ein am Spieß gebratenes Wildschwein.

Auf dem Reiterhof WUKASCH (Nr. 47) kann man sich über alles informieren, was mit Pferden zusammenhängt. An diesem Tage widmet sich Ralf WUKASCH, der sich gleich nach der Wende in Brachwitz niederließ und den Hof kaufte, vorrangig dem Kinderreiten.

Von der Einfahrt des Hauses Nr. 49 schallt uns ein lautes und freundliches „Kikeriki“ entgegen. Enrico WOLTER fährt gerade mit seinem „Kikeriki-Wagen“ auf den Hof. Der gelernte Fleischer hat die Nachfolge der Dorfkonsum-Läden angetreten und versorgt mit seinem mobilen „Tante- Emma- Laden“ zahlreiche Flämingdörfer mit Fleisch und Lebensmitteln. Zu Ehren von „Sabinchen“ bietet seine Familie auf dem Innenhof selbst zubereitete Kartoffelpuffer an. Die Nachfrage ist so groß, dass sich zeitweise regelrechte Wartegemeinschaften bilden.

Zum längeren Verweilen lädt der Garten von Christa und Peter KLIPPEL ein. Der Ingenieur für Frisch- und Abwasserwirtschaft begann bereits in den 60-er Jahren, sich sein „Feierabendheim“ in Brachwitz einzurichten. Zugute kam ihm dabei, dass seine Frau nicht nur als Lehrerin tätig, sondern dass sie auch als Floristin reiche Erfahrungen sammeln konnte, darunter auf dem Rosengut Langerwisch. So konnte sein Traum von einer Gartenlandschaft mit Schwimmbad in Brachwitz Wirklichkeit werden. Und für einen Tag öffnete sich am Sabinchentag der Garten auch für Besucher und lud sie zum Mitträumen ein, wenn sie durch den Garten wandelten und zum Abschluss ein Stück selbst gebackenen Kuchens in den Laubengängen gegenüber dem überdachten Schwimmbecken verzehrten.

Gegenüber der Feuerwehr konnte man noch einen Blick in die offene Schmiede werfen, die Willi WIRTH bis Mitte der 70-er Jahre betrieben hatte. Sie ist noch angefüllt mit Geräten und Werkzeugen, die bis zur damaligen Zeit im Gebrauch waren und die heute leise vor sich hin rosten. Doch seit den 1980-er Jahren zieht alle zwei Jahre für eine Tag Leben in die alte Schmiede ein. Dann werden dort Eier gebraten für die Schweizer Fußballmannschaft, die sich zum traditionellen Kräftemessen mit „Goldbrand“ Brachwitz auf dem Rasen des Brachwitzer Sportplatzes trifft. Beim ersten Versuch verbrannten noch die Eier mit der Pfanne, waren sie der Schmiedehitze nicht gewachsen. Doch inzwischen hat man Erfahrungen gesammelt, hat man es auf bis zu 444 gebratenen Eiern an einem Abend gebracht.

Auf dem Hof von ERDMANN (Nr.8) wird für Solarwärme geworben und im Haus Nr. 4 können bei Kerstin und Heinz WILLMANN Motorräder bestaunt werden, ein langjähriges Hobby der Hausbesitzer. Über den Sportplatz geht es am Festzelt vorbei, in dem gerade die „Nieplitztaler“ spielen und die Alt-Borker Tanzgruppe sich auf ihren Auftritt vorbereitet und vor dem der Brachwitzer Heimatverein Kaffee und Kuchen anbietet, zum Hause der Hobby-Imkerin STEINHAUS (Nr. 59), die dort ihren Honig feil hält.

Abschließend besichtigen wir den Innenhof des künftigen Ortschronisten Günter KAUSMANN. Hier hatte „KYRILL“ besonders heftig gewütet. Die Scheune stürzte unter der Wucht des Tornados ein und begrub die dort gesammelten historischen Landmaschinen unter sich. Günter KAUSMANN hat sie unter dem Schutt der Scheune wieder herausgebuddelt, neu aufpoliert und als Ausstellungsstücke für Sabinchen-Besucher zur Schau gestellt. Sein zweites Hobby sind eine Vielzahl seltener Pflanzen, die man in seinem Garten besichtigen konnte. Dazu gehören etwa 40 Holzarten, darunter Koniferen, Heckensträucher und Obstbäume.

Auf dem Rückweg ging es noch einmal  am Gebäude der Feuerwehr vorbei. Es lag etwas verwaist da. Die Kameraden der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr hatten an diesem Tage Wichtigeres zu tun. Sie sorgten für die notwendigen Absperrungen und übernahmen die Einlasskontrolle an den Ortszugangsstraßen sowie die Einweisung auf die extra angelegten Parkplätze.

Insgesamt kann man wohl mit Recht sagen, dass „Sabinchen“ ein Frauenzimmer ist, das viel mehr kann, als für einen Schuster Esslöffel zu stehlen. Es kann auch dazu beitragen, ein ganzes Dorf zu bewegen, sich seiner alten und neuen Geschichte zu erinnern und sich noch stärker in die Stadt Treuenbrietzen zu integrieren.

Ernst- Peter Rabenhorst

Erschienen in den Treuenbritzener Heimatblättern 07/09

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