Sabinchen war ein Frauenzimmer – die Treuenbrietzener und ihr Sabinchen – Teil 1

SABINCHEN Postkarte1 I. Sabinchen und ihr Lied
Persönliche Erlebnisse
Beginnen möchte ich mit zwei persönlichen Erlebnissen, wie sie jeder andere Treuenbrietzener in dieser oder jener Form auch schon erlebt haben mag. Ich wollte  meinen Urlaub im Steigerwald verbringen, rufe bei einer privaten Vermieterin in Wiesenbronn an. Die Frau am anderen Ende möchte von mir Namen und Wohnort wissen: „Wo wohnen Sie? Könnten Sie es noch einmal langsam wiederholen?“ Ich tue es. „Ach“, sagt sie, „kommt da nicht das Sabinchen her?“ – Ein anderes Mal sitze ich als Urlaubsvertretung in unserem Heimatmuseum. Ein Besucher steigt die knarrende Treppe empor. Er sei aus Koblenz, teilt er mir mit, arbeite dort ehrenamtlich bei den Jagdhornbläsern. Für den nächsten großen Auftritt brauche er dringend den Text des Sabinchenliedes. Ob ich ihm helfen könne? Natürlich konnte dem Manne geholfen werden. Mit einer Postkarte, auf der sich Text, Noten und sogar noch eine bildliche Darstellung der grausigen Moritat befanden.
Das Lied vom Sabinchen hat Treuenbrietzen scheinbar in ganz Deutschland bekannt gemacht, auch wenn nicht einmal feststeht, ob das besungene Frauenzimmer tatsächlich aus dieser Stadt stammt. Fest steht nur, sofern man dem Text Glauben schenken kann, dass der Schuster, dieser „rabenschwarze Hund“, aus Treuenbrietzen daher kam. Wo er seine grausige Tat verübte bleibt im Dunkeln. Das hat in der Vergangenheit oft zu ärgerlichen Reaktionen der hiesigen Schuhmacher geführt, die meinten, ihre Zunft und ihre Stadt würden durch diese Verse verunglimpft.

 REICHHELM erkennt den Marktwert
Doch es gab auch Treuenbrietzener, die frühzeitig erkannten, welchen Wert es hatte, die Sabinchenfigur ungeachtet ihrer ungeklärten Herkunft im Interesse der Stadt zu vermarkten, sie zu einer Art „Schutzpatronin“ der Stadt zu küren. Zu den Wegbereitern dieses Kultes gehört wohl der Treuenbrietzener Zahnkünstler und Heimatforscher Karl REICHHELM (1867 – 1940), der bereits im Jahre 1934 schreibt: „Wie so manche Stadt, ohne dazu Grund gegeben zu haben, im ganzen Lande bekannt geworden ist, so ist es auch Treuenbrietzen ergangen. In Kommersbüchern der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts findet sich zuerst die erschütternde Ballade vom Sabinchen und dem treulosen Schuster aus Treuenbrietzen, ein Gedicht, dessen genial holprige Knittelverse nur noch von der noch genialer holprigen Musik übertroffen werden, so dass es als Kneiplied für vorgerückte Stunden oder als gruslige Mordgeschichte in der Art der Jahrmarktsvorführungen sich vortrefflich eignet.
Der Name Treuenbrietzen ist lediglich des Reimes wegen hinein geflochten worden und hat mit dem Inhalt nicht das Geringste zu tun. Aber ebenso wie andere Städte sich nicht scheuen, mit Gedichten, die ihren Ort erwähnen, wenn es nur in ulkiger und drolliger Weise geschieht, Reklame für sich zu machen…liegt auch für Treuenbrietzen kein Grund vor, sich nicht des Liedes zu bedienen, um den Namen der Stadt bekannt und auf die Bekanntschaft mit der Stadt neugierig zu machen. Das Lied, dessen Verfasser und Vertoner unbekannt sind, ist anscheinend in Thüringen in studentischen Kreisen entstanden.“ (ZFH,08/1934)

BRACHWITZ forscht nach der Herkunft
Anfang der 40-er Jahren des vorigen Jahrhunderts berichtet der Mittelschullehrer und Heimatforscher Oskar BRACHWITZ (1890 – 1946) über seine Erfahrungen: „Das Sabinchenlied hat Treuenbrietzen bekannt gemacht. Gar mancher Einwohner unserer Stadt hat auf Reisen fern von unserer Heimat Volksgenossen angetroffen, die Text und Melodie des Liedes beherrschten und freudestrahlend ihn damit begrüßten. So erging es dem Schreiber dieser Zeilen, als er im Sommer des vergangenen Jahres in einem Reichsschulungslager in Westfalen mit Kameraden aus dem Saarland, aus Westfalen, der Steiermark, aus Brandenburg und Schlesien zusammen war. Aus dem Saarland und Westfalen kannten alle das Lied, aus Schlesien einige, die Steiermärker hatten es noch nie gehört. In Westfalen war das Lied vor etwa 40 Jahren auf den Jahrmärkten als schaurige Moritat von Bänkelsängern gesungen worden…“ BRACHWITZ forschte auch nach der Herkunft des Liedes. Er fand heraus, dass es wohl erstmals um der Mitte des 19.Jahrhunderts in Studentenliederbüchern veröffentlicht worden war. Offen blieb für ihn, ob es dazu einen historischen Bezug gab, etwa die Mordtat eines Schuhmachers aus Treuenbrietzen. (ZFH, 02/1940)

Sabinchenlied im Bilderbogen
Kindheitserinnerungen wurden 1940 bei Ernst HEINISCH wieder wach. Er schreibt: „Zur Sabinchen-Angelegenheit vermag ich folgende Angaben zu machen: Um das Jahr 1880 erhielt ich als siebenjähriger Junge in meinem Heimatstädtchen Baruth vom Lumpensammler einen Neuruppiner Bilderbogen (Gustav KÜHN), der das Sabinchenlied in grellen, bunten Bildern darstellte…In der Mark Brandenburg ist das Lied allgemein bekannt, überall, wo ich später als Postbeamter weilte, wurde das Lied gesungen. Bei einer Rügenfahrt sang uns unser Hotelwirt in Putbus zum allgemeinen Gaudium das Sabinchenlied vor, als er uns bei der Fremdenanmeldung als Treuenbrietzener erkannt hatte“.  (ZFH,03/1940)

„Sabinchen“ klassisch
Sogar ein bekannter Komponist setzt das Thema in Noten um. Im Rundfunk erklingt 1930 in der Silvesternacht das Musikstück „Sabinchen“ von Paul HINDEMITH. Dem im Juni 1930 in Berlin uraufgeführten Stück liegt die Moritat des „Sabinchen von Treuenbrietzen“ zugrunde. (TZ,31.12.1930)

Begrüßung mit Sabinchenlied
Es hat sich sogar bis in die Partnergemeinde im westfälischen Nordwalde herumgesprochen, dass das Sabinchenlied die heimliche Hymne von Treuenbrietzen ist. Das bekam bereits 1995 der damalige Furiermeister der hiesigen Schützengilde Karl- Jochen MASSWIG zu spüren, als er als Gast an einem Schützenfest in Nordwalde teilnahm. Nachdem er  den Partnern eine Festschrift von 1924, die anlässlich der 500-Jahr-Feier der Schützengilde Treuenbrietzen gedruckt worden war, übergeben hatte, wies man ihm einen Ehrenplatz am Königstisch in der Festhalle zu und spielte ihm zu Ehren auf der Festwiese von Nordwalde das Sabinchenlied. (TN,06.09.1995)

Sabinchen in alter Fassung
Es gibt zahlreiche, mehr oder weniger voneinander abweichende Fassungen des Sabinchenliedes. Deshalb soll hier eine der ältesten Versionen stehen, die  ein Herr ZERLING aus der Bäckerstraße in Treuenbrietzen 1928 in einem Buch mit dem Titel „Musenklänge aus Deutschlands Leierkästen“ gefunden hatte. Es war bereits die 18.Auflage des genannten Buches. Nach Mitteilung des Verlages erschien die 4.Auflage 1855. Damit ist zu vermuten, dass die 1.Auflage bereits um 1847 herauskam. Das Buch enthält ausschließlich Moritaten und sonstige Schauergeschichten, die von Bänkelsängern gesungen und von Studenten als heitere Vortragslieder gesammelt wurden. Die Textfassung des Sabinchenliedes hat dort folgenden Wortlaut:
„Höchst schauderhafte Begebenheit, welche vorigtes Jahr am dreißigsten Februar ist begangen worden nebst Beschreibung von der Verlaufung der ganzen Sach’.
Ihr Leute, merkt und nehmt zu Herzen
Die traurige Geschicht’;
Der Diebstahl, der bringt große Schmerzen
Und nie kein’ Segen nicht.

Sabine war ein Frauenzimmer,
sie war auch tugendhaft;
Deshalben war zufrieden immer
Mit ihr auch die Herrschaft.

Da kam einstmals von Treuenbrietzen
Ein junger Mann daher
Und sprach: „Ich möchte Sie besitzen!“
Er war ein Schuhmacher

Sie hat sich nicht sehr lang bedenket
Und sprach: „Es mag so sein!“
Sie hat so leicht Vertrau’n geschenket
Des Schusters falschen Schein.

Er kommt allnächtlich zu Sabinen
Und seufzt: „Ich steck’ in Not!“
Gerührt von seinen bittern Mienen
Gibt sie ihm, was sie hot.

Da tat er es sogleich verschwenden
In Schnaps und auch in Bier;
Und tut sich nochmals an sie wenden:
Will wieder Geld von ihr.

Sie kann nicht mehr kein Geld sich leihen,
Drum geht sie auf die Stell’
Und muss der Herrschaft veruntreuen
Zwei silberne Löffel.

Als aber sind zwei Tag’ vergangen,
Da kommt der Diebstahl raus.
Die Herrschaft jug mit Schimpf und Schanden
Sabinen aus dem Haus.

Sie klagt’s in ihren Gewissensbissen,
Ihr ist das Herz so schwer;
Doch jetzt will nichts mehr von ihr wissen
Der Treuenbrietzener.

Sie seufzt: „Du böser Pflichtvergess’ner,
Du rabenschwarze Seel’!“
Da nimmt er schnell ein Transchiermesser
Und schneid’t ihr ab die Kehl’.

Das Herzblut tut sogleich rausspritzen,
sie sinket um und um.
Der falsche Schuster von Treuenbrietzen,
der steht um sie herum.

Sie tut auch gleich die Glieder strecken,
Nebst einem Todesschrei;
Den bösen Wicht tun jetzt einstecken
Zwei von der Polizei.

In Ketten und in Eisenbanden,
bei Wasser und bei Brot,
Hat er reumütig eingestanden
Die schwarze Freveltot.

Am Galgen wurd’ der Treuenbrietzner
Gehängt durch einen Strick;
Dazu hat ihn gebracht die Untreu’
Und auch die falsche Tück’.

Drum soll man keine Kehl’ abschneiden,
Es tut nie gut ja nicht. –
Der Krug, der geht so lang zum Wasser,
bis ihm der Henkel bricht.“

Woher die Herausgeber des Buches den Text genommen haben, bleibt weiter unklar.

II. „Sabinchen“ und ihr Name

Namensschutz für „Sabinchen“
Der Bundestagsabgeordnete Jürgen TÜRK rät 1994 auf einer Veranstaltung im „Bürgergarten“ der Stadt Treuenbrietzen, den Namen „Sabinchen“ stärker zu vermarkten. Die Stadt könne als „Sabinchenstadt“ auftreten und müsse den Mut haben, auch größere Feste unter diesem Markenzeichen zu organisieren. Hannelore HEINRICH spricht sich für eine „Fläming- Straße“ aus, welche die Städte Jüterbog, Treuenbrietzen, Niemegk, Belzig und Wiesenburg touristisch verbinden soll. (FE,09.03.1994)
Der damalige Bürgermeister CORNELIUS teilt am 1.November 1999 der Stadtverordnetenversammlung  mit, dass er für 700 DM Namensschutz für den Begriff „Sabinchen“ beantragt habe. Der Schutz gilt zunächst für 10 Jahre. Zwei Jahre später beschließt der Hauptausschuss, den Namen „Sabinchen“ auch für die Verwendung als Geschäftsname schützen zu lassen. Bisher war der Titel in vier von 42 möglichen Klassen beim Patentamt als Markenzeichen angemeldet. (FE,11.12.2001).

Eine Klause für Sabinchen
Sabinchen folgt EILERS
Auch schon zu DDR- Zeiten sollten mit dem Namen „Sabinchen“ Gäste angelockt werden. So erhielt 1950 die neu eröffnete HO- Gaststätte in der Großstraße 66 den Namen „Sabinchenklause“. Das Haus konnte auf große Traditionen zurückblicken, befanden sich dort doch die 1876 gegründete Honigkuchen- Bäckerei A. PROTZ, das 1926 eröffnete „Casino-Café“  von SCHUSTER und seit 1934 das „Café EILERS“. Und dann das Ende: 1939 schließt Hans EILERS sein Geschäft mit Bäckerei, Konditorei und Café wegen Einberufung zur Wehrmacht. (Streiter,23.09.1939)

PARUSEL übernimmt Sabinchen
Für viele Jahre ist Georg PARUSEL ab 1958 Leiter der HO- Gaststätte „Sabinchenklause“. Er kann 1980 auf eine 30-jährige Tätigkeit im staatlichen Handel zurückblicken. Am 1.April 1950 begann er als Einkäufer und Verkäufer in der HO- Geschäftsstelle Treuenbrietzen. (MVS,01.04.1980). Zeitzeugin Gerda BERKHOLZ erinnert sich: PARUSEL kommt aus der Verwaltung der HO. Er wollte aber wieder praktisch arbeiten und bewarb sich deshalb um die Leitung der Sabinchenklause, die er lange Jahre erfolgreich mit seiner Frau betreibt. Als er älter wurde, war ihm der Gaststättenbetrieb zu aufreibend. Deshalb übernahm er den „Delikat“- Laden in der Großstraße 14 (ehemals Gaststätte FELGENTREU, später „Evas Schuhladen“). Hier arbeitete er bis zur Wende.

Sabinchen besiegt IFA
Bereits 1968 gab es erste Bestrebungen, die „Sabinchenklause“ zu schließen und die Räume der Verkaufsstelle für Kfz zu übergeben, die über Platzmangel klagte. Auch das Konsum- Textilkaufhaus suchte zu dieser Zeit für die Erweiterung seines Angebots neue Räume. (MVS,09.01.1968). Aber „Sabinchen“ blieb dieses Mal siegreich. Nach gründlicher Renovierung, die das Anbringen einer Wandmalerei vom traurigen Schicksal Sabinchens einschloss, kann die HO- Gaststätte „Sabinchenklause“ am 24.Februar 1969 erneut ihre Pforten öffnen. (MVS,21.02.1969). Und es kommt noch besser: Die Verkaufsstelle des IFA- Vertriebs in der Großstraße/Ecke Töpferstraße wird auf das Grundstück FELLER verlegt. Dadurch werden Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die „Sabinchenklause“ eine größere Küche und einen weiteren Gastraum erhalten kann. (MVS,15.02.1978)

Sabinchen im neuen Gewand
Die „Sabinchenklause“ zeigt sich nach der Renovierung im Februar 1977 im neuen Gewand. Gaststättenleiter Georg PARUSEL erhält Fleisch vom Konsum- Fleischwarenbetrieb gegenüber, zum Mittagessen kommen auch die Kollegen von der PGH „Haarpflege“ und von der ZBO hierher. Die Gaststätte ist sehr gefragt, in der Küche, in den Gasträumen und am Buffet wird zweischichtig gearbeitet. Küchenkräfte sind Regine KOSCHARE, Hilde KURING, Rita HOFFMANN und Käte HORCY. Für freundliche Bedienung sorgen Hilde PEISER, Marianne BLOCK und Petra KOSCHARE. Hinter dem Buffet stehen abwechselnd Gertrud BEIER und Waltraud PARUSEL. Um saubere Gasträume kümmert sich die Rentnerin Elisabeth FRIESE. 1966 wird die Besatzung der „Sabinchenklause“ als erstes Kollektiv im Gaststättengewerbe des Kreises Jüterbog mit dem Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet. Der Titel kann danach acht Mal verteidigt werden. (MVS,09.04.1977). Sogar über Übernachtungsmöglichkeiten wird nachgedacht:  „Der Rat stimmte dem Vorschlag zu, in den Jahren nach 1980 in den oberen Räumen der HOG ‚Sabinchenklause‘ Voraussetzungen für eine Hotelunterbringung zu schaffen.“ (Protokoll Ratssitzung vom 18.05.1977)
Auch unter der neuen Leitung von Gerhard MAUER erringt die “Sabinchenklause” den Sieg im Gaststättenwettbewerb der “Märkischen Volksstimme”. 14 Mitarbeiter sind am Erfolg dieser Gaststätte beteiligt. (MVS,05.09.1981)
1984 wird die Gaststätte “Sabinchenklause” noch einmal vergrößert und in neuem Gewande wieder eröffnet. Leiter ist jetzt Wolfgang HEINZE. Statt 72 können hier künftig 92 Gäste Platz finden. Es gibt jetzt ein “Sabinchen- Zimmer”, wo man den Text vom Sabinchenlied nachlesen kann. Auch die Küchenräume sind größer geworden. (MVS,17.04.1984)

Zusammengetragen von Ernst- Peter Rabenhorst

wird fortgesetzt

2 Kommentare

Thomas KerzelMontag, 27. Februar 2012 um 21:04

Zum Absatz „Sabinchen klassisch“:
Die Komposition von Hindemith wurde seit der Uraufführung von 1930 bisher nur von zwei Ensembles wieder aufgeführt:
2007 in der Schweiz vom Ensemble „vocativ“
2008 von der Musikhochschule Frankfurt, Hindemiths „Heimat“.

Das Celtis-Gymnasium in Schweinfurt bereitet eine neue Aufführung für den 25. April 2012 vor.

Weitere Informationen findet man auf der Homepage
http://kerzel.de/chor
Schauen Sie doch bitte mal rein!

Thomas Kerzel, Chorleiter

Felix KrollSamstag, 8. Dezember 2012 um 02:29

Gefällt mir sehr gut !

Wenn meine Eltern in den 50er Jahren Besuch von Verwandten und Freunden aus Kiel bekamen, mussten immer „Traurige Lieder“ gesungen werden. Es begann dann jedesmal mit „Sabinchen war ein Frauenzimmer“ 🙂

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