Ein Gang durch die Zeudener Krähenrummel

Eine Naturplauderei von Wilhelm Leps

Wenn man von dem Flämingdorf Zeuden den Rietzer Weg herunter nach dem Wald geht, kommt man an die so genannte Krähenrummel, die wir heute durchwandern wollen. Wir folgen dem Lauf der Rummel und kommen so an den Krähenbrunnen, der mit einem Gebüsch von Laubholz umrahmt ist. In demselben sehen wir Vertreter unserer einheimischen Vogelwelt: die schwarze Amsel, auch die Singdrossel. An den Baumstämmen klettern Grün- und Buntspecht herum. Auch der Pirol in seinem gelbgrünen Kleid lässt seinen melodischen Ruf ertönen, den wir als Jungen immer deuteten: „Pfingsval Bier holen, utsupen, mehr holen“

Wir sehen uns nun den mit Feldsteinen ausgemauerten Brunnen an, der gar nicht so tief ist, so dass man auf Steinstufen nach dem Wasser hinuntergehen und mit dem Eimer Wasser schöpfen kann. Von demselben haben die Zeudener und Pflügkuffer ihr Trink- und Kochwasser geholt, ehe sie in ihrem Dorf die Wasserleitung gebaut haben. Jetzt wird er nur noch von den Zigeunern benutzt, die gern ihr Lager in dem ihn umgebenden Laubholz aufschlagen. Auch sieht mahn auf den mit der Zeit verschlammten Stufen die Trittsiegel von Reh und Fuchs, die an dem Brunnen ihren Durst stillen.

Wir gehen nun in der Rummel weiter, die eigentlich ein von Bergen umrahmtes Tal ist. Da hören wir in dem Heidekraut ein Piepen und Zwitschern und schleichen uns näher. Es ist eine ganze Wiedehopffamilie, die wir hier erblicken und die auf Nahrungssuche ist. Wir gehen still weiter, um die Wiedehopfe nicht zu verscheuchen, und kommen an eine von rechts in die Rummel einmündende Nebenrummel, die tief von dem wilden Wasser ausgewaschen ist. Man könnte glauben, man befinde sich in einem Gebirge. Wir gehen nun der Nebenrummel nach. An den Rummelhängen sehen wir die Baue von Kaninchen, von Fuchs und Dachs, sehen auch einige graue Flitzer in ihrem Bau verschwinden. Über uns zieht ein Bussard seine Flugspirale. Die Lerchen trillern oben in der Luft ihr Lied. Da hören wir vor uns im Holz ein Klatschen, als wenn jemand zwei Splitt zusammenschlägt. Wir gehen dem Schall nach und sehen an einer Kiefer einen Schwarzspecht kleben, der mit dem Schnabel einen Astspahn zurückzieht und gegen den Stamm zurückschnellen lässt, also eine Spechtschmiede. Der Schwarzspecht ist der größte unserer heimischen Spechte, sein Gefieder ist rein schwarz, hat aber an dem Hinterkopf dunkelrote Federn. Wir verlassen nun diesen Rummelriss und gehen über den mit Kiefern bestandenen Berg, der im Herbst mit blühendem Heidekraut bestanden ist, auf dem dann die Bienen summen, und kommen nach dem sog. Heuweg. Auf ihm gehen wir links den Berg hinunter und gelangen so an den zweiten Rummelriss. Doch, was krätscht der Holzschreiher (Eichelhäher) so aufgeregt, auch hören wir die Meisen so aufgeregt piepsen. Da müssen wir uns überführen, was da los ist. Da sehen wir, dass der Edelmarder ein Eichhörnchen verfolgt. Die Jagd geht von Ast zu Ast, von Baum zu Baum, beide im Springen und Klettern gleich gewandt. Doch der Marder ist der Stärkere. Wir sehen, dass die Kräfte des Eichhörnchens nachlassen und schätzen es schon verloren. Da springt das Eichhörnchen von einer Kiefer auf die Erde und verschwindet in einem Kaninchenbau. Aber der Marder hinterher. Nun schätzen wir unser Eichhörnchen bestimmt verloren, aber der Bau hat zwei Ausgänge. Da sehen wir unser Eichhörnchen wieder herauskommen und auf eine Kiefer klettern, hinter ihm ein Kaninchen, welches der Marder wohl aufgestört hat, hinter diesem den Marder, der das Eichhörnchen aus den Augen verloren hat und nun das Kaninchen verfolgt, welches aber in einen anderen Bau flüchtet, der nur einen Eingang hat. Der Marder ihm nach – nun ist das Kaninchen verloren. Wir hören auch einen Todesschrei, der Marder wird nun Mahlzeit halten und nicht so schnell wieder herauskommen. Wir durften ihm doch nichts tun, weil er im Sommer Schonzeit hat. Wir gehen diese Rummel zurück, um wieder nach der Hauptrummel zu kommen. Rechts von uns liegen die Hasenberge, eine richtige Heidelandschaft mit Heidekraut und Krüppelkiefern, früher ein Lieblingsaufenthalt für Birkwild, das leider in den letzten Jahren gänzlich verschwunden ist. Links von uns sind die Berge mit Kiefern bestanden. Doch da hören wir wieder die Krähen so aufgeregt krächzen und die Elstern schackern. Was ist da wieder los? Wir bleiben stehen – da sehen wir einen Fuchs angeschnürt kommen, der ein Kaninchen im Fang hat und auf die Hasenberge verschwindet. Wir gehen weiter bis zur Hauptrummel rechts nach dem Hohenwerbiger Gebiet, wo sich das Tal verbreitert und die Berge an den Seiten noch steiler und höher werden, eine richtige Gebirgslandschaft im kleinen Fläming.

Wir gehen nun zurück durch die Hauptrummel an dem Krähenbrunnen vorbei, um wieder nach unserem Ausgangsort Zeuden zu kommen. Hier wollen wir uns von unserem Marsch bei Hennigs Otto im Gasthof stärken und uns die aus Feldsteinen erbaute alte Kirche und den über vier Morgen großen Dorfteich ansehen, der gleich neben Hennigs Gasthof liegt und von unzähligen Gänsen und Enten bevölkert und mit Schleien und Karpfen besetzt ist, so dass im Herbst jeden Jahres zehn bis zwölf Zentner Speisefische gefangen werden.

Auf dem Rückweg durch die Rummel haben wir noch ein neues Erlebnis. Wir hören die Krähen in dem Laubbusch am Krähenbrunnen wieder Krach machen und niederstoßen. Da sehen wir eine Waldohreule auf einer Birke sitzen, die von den Krähen belästigt wird. Wir jagen das schwarze Gesindel weg, um der so nützlichen Eule Ruhe zu verschaffen. Am Ausgang der Rummel kommt eine Ricke mit zwei Kitzen. Als sie uns sieht, machte sie „Bä, bä“ und verschwindet im Eiltempo im Wald. Wir gehen nun den Rietzer Weg wieder hoch. Über uns in der Luft schießen Mehl- und Blutschwalben. Letztere haben einen geteilten, gabelförmigen Schwanz.

Endlich sind wir wieder in Zeuden angekommen. Wir haben uns ein Stück unserer Heimat angesehen und dabei gefunden, dass unser Fläming auch Naturschönheiten hat – man braucht sie nur aufzusuchen. Man braucht wirklich nicht immer in die Ferne zu gehen, um etwas zu sehen und zu erleben.

(ZFH, Nr. 10, 27. Mai 1939)

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