150 Jahre MTV 1861 Treuenbrietzen

Siegmund Bölke erinnert sich.

Der MTV 1861 Treuenbrietzen beging unlängst sein 150-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wurden mehrere Zeitzeugen befragt, unter ihnen der langjährige Vorsitzende des Vereins, Siegmund Bölke, Jahrgang 1936. Er übte dieses Amt von 1980 bis 2005 aus. Nachfolgend beantwortet er einige Fragen zur Geschichte und Gegenwart des Sports in Treuenbrietzen, speziell zum MTV 1861 Treuenbrietzen, und zu seiner eigenen sportlichen Entwicklung. Das Interview führte Rüdiger Lehmann, Autor einer kürzlich erschienenen Broschüre zur 150-jährigen Geschichte des MTV Treuenbrietzen 1861.

Siegmund, wann und wie bist du eigentlich zum Turnen gekommen?

 

In meinen Kinderjahren habe ich mit ca. zehn Jahren (1945/1946) in Jänickendorf, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin, mit dem Turnen begonnen. Dort gab es damals viele ältere Turner, die uns zu begeistern verstanden. Für die Trainingsstunden wurde der Tanzsaal der Gaststätte Zimmermann genutzt. Wir mussten selbst das Heizmaterial mitbringen, damit es im Winter einigermaßen warm wurde.

 

1954 bist du zum Studium nach Magdeburg gegangen. Hat dich das Turnen auch in deiner Studentenzeit begeistert?

 

Auf alle Fälle. Ich habe neben meinem Studium des Bauingenieurwesens beim Sportclub „Aufbau Magdeburg“ geturnt und intensiv 1½ Jahre trainiert bis ich aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert wurde. Wenn ich es heute sehe – rechtzeitig. War dann aber als Übungsleiter an der Ingenieur-Schule und in verschiedenen Vereinen in Magdeburg und tätig.

 

Und später?

 

Mit dem Ende des Studiums habe ich das Turnen zunächst vernachlässigt. Ich bin wieder nach Jänickendorf gekommen. Hier wurde aber nicht mehr geturnt. In Jänickendorf habe ich bis 1960 gewohnt und gelebt. Dann hat es mich durch meine Heirat nach Treuenbrietzen verschlagen, verbunden mit einem beruflichen Neustart.

 

Wie sah dieser Neustart aus? In Treuenbrietzen kennt man dich seit vielen Jahren als etablierten Architekten…

 

Begonnen hat meine berufliche Tätigkeit in Luckenwalde. Dort habe ich in fünf Jahren fünf Funktionen ausgeübt – vom stellvertretenden Kreisbauleiter bis zum Kreisbaudirektor. Immer ein Aufstieg nach oben, für einen Parteilosen nicht gerade einfach. 1965 habe ich dann nicht für den Kreistag kandidiert und die Funktion des Kreisbaudirektors aufgegeben. Dann kam ich nach Treuenbrietzen. Dorthin wechselte ich aus den genannten Gründen und wegen der langen Fahrstrecke. Ich wurde zunächst für ein Jahr technischer Leiter im Fahrzeugwerk Gehler KG und habe in diesem Zeitraum die Verlagerung des Werkes von der Neuen Markstraße/Großstraße an den Hans-Gerade-Weg baulich geplant und eingeleitet. 1966 habe ich dann die Funktion eines Abteilungsleiters Projektierung der ZBO Ließen übernommen, um in Treuenbrietzen eine Abteilung aufzubauen. Nach dem Aufbau dieser Abteilung übernahm ich die Leitung dieser Abteilung. 1990 habe ich mich dann als Architekt selbstständig gemacht.

 

Wie hast du den Kontakt zum Turnverein in Treuenbrietzen gefunden?

 

Unmittelbar nach meiner Hochzeit oder eigentlich schon davor hat mein Schwiegervater Wilhelm Kunter erfahren, dass ich aktiver Turner war. Er brachte mich letztendlich auch zum Verein.

 

Erinnerst du dich noch an deine erste Turnstunde dort?

 

Ja, sie war gut, ich bin begeistert aufgenommen worden und habe mich von der ersten Stunde an im Verein wohl gefüllt.

 

Du hast dann lange Zeit im Verein geturnt und Sport getrieben. Was hat deine Frau dazu gesagt?

 

Sie kannte es nicht anders von mir, dass ich begeisterter Turner war und schließlich habe ich sie dann überzeugt, selbst Sport zu treiben. Jetzt ist sie schon seit vielen Jahren ebenfalls im Verein aktiv.

 

Dann hast du zunehmend Funktionen bzw. Ehrenämter im Verein übernommen. Welche waren das eigentlich?

 

1962 wurde ich zum stellvertretenden Leiter der Sektion Turnen und Gymnastik der BSG (Betriebssportgemeinschaft) „Motor“ Treuenbrietzen gewählt. Noch heute bin ich stolz darauf, damals das Vertrauen der Turner und Gymnasten erhalten zu haben. Sektionsleiter war dein Großvater Theo Lehmann. Als er 1980 die Sektionsleitung aus den Händen gab, wurde ich als sein Nachfolger gewählt. Die Sektion Turnen war zu dieser Zeit die größte Sektion mit ca. 500 Mitgliedern.

 

Gab es damals noch weitere Sektionen im Verein?

 

Ja, viele. Wenn ich mich recht erinnere, waren es zwischen acht und zehn. Dazu gehörten auch die Sektionen Fußball, Schwimmen, Tischtennis und Kegeln. Dass jede Sektion eine eigene Leitung hatte und gut organisiert war, können sich viele heute nicht mehr vorstellen.

 

Wie haben diese Sektionen zu DDR-Zeiten gearbeitet? Gab es Charakteristika, Besonderheiten, Schwierigkeiten?

 

Nein, eigentlich nicht. Sie haben selbstverständlich, wie in einem Verein, alle sportlichen Tätigkeiten und Ereignisse selbst organisiert. Verantwortlich war die Sektionsleitung, die Sportpläne bestätigte und über die Finanzierung wachte. Allerdings galt die Sektion Turnen als „reaktionärer“ Teil in der BSG „Motor“. So ist beispielsweise auf Betreiben jüngerer Turner die alte Traditionsfahne des MTV 1861 Treuenbrietzen in den achtziger Jahren wieder entstanden. Die Fahne wurde zwar in einer Fahnenstickerei in der DDR hergestellt, aber die Goldborte für die Fahne musste aus West-Berlin organisiert werden. Die Fahnenweihe fand im September 1989 statt und sollte mit großem „Bahnhof“ erfolgen. Das hat mir als Sektionsleiter schon Sorgen bereitet. Schließlich konnte so etwas in der Vorwendezeit durchaus anders bewertet werden.

 

Hast du Repressalien erwartet oder befürchtet?

 

Eigentlich sogar mehr. Wir hatten einen großen Fackelzug zur Fahnenweihe geplant, genau zu der Zeit, als in Leipzig und anderen Orten die Demonstrationen der friedlichen Revolution stattfanden. Unsere sportliche Feier hätte also durchaus falsch eingeschätzt werden können. Aber wir haben uns rechtzeitig mit der örtlichen Polizei abgestimmt und hatten keine Probleme. Ich bin stolz auf die friedliche Umgestaltung unseres Landes und erwarte auch von der Jugend, dass sie sich mit der Geschichte dieser Zeit und der Gegenwart beschäftigt.

 

Da wir gerade bei der DDR-Zeit sind: Wie war die Zusammenarbeiten mit dem Bürgermeister, mit der Stadt, mit den Stadtverordneten in den 70er und 80er Jahren?

 

Die Zusammenarbeit mit der Kommune war damals gut. Wir wurden von der Stadt und dem Trägerbetrieb unterstützt. Der Neubau der Turnhalle an der Albert-Schweitzer-Schule (Damals hieß die Schule POS W. I. Lenin oder „Leninschule“.) und die Umbauten der Sportplätze Rahn (Parkstadion) und Berliner Straße, erfolgten mit Unterstützung der Stadt und der Sportler der BSG „Motor“, die zum überwiegenden Teil Eigenleistungen erbrachten. Auch die Anfang der siebziger Jahre gesperrte Turnhalle Lindenallee wurde in Eigeninitiative der Turner mit Unterstützung der Stadt und der örtlichen Handwerker wieder nutzungsfähig gemacht. Organisationstalent und Motivation waren gefragt, um eine gute Grundlage für die sportliche Ertüchtigung und Bestätigung, insbesondere für die Jugend, zu schaffen. Heute wird oft gefragt: wann kommt was?

 

Gab es für die Sektionen damals einen Trägerbetrieb, der sie finanziell kräftig unterstützt hat oder waren es nur Pfennigbeträge?

 

Nein, die Wirtschaftszweige haben die gesellschaftliche Tätigkeit in den Sportvereinen stark unterstützt, vielleicht sogar mehr als heute. Die einzelnen Vereine waren immer bestimmten Wirtschaftszweigen zugeordnet, zum Beispiel „Turbine“ im Wasserwirtschaftsbereich, „Stahl“ im Stahlbaubereich oder „Aufbau“ im Baubereich. Der Trägerbetrieb der BSG (Betriebssportgemeinschaft) „Motor“ (und der Sektionen) war damals das Meßgerätewerk Treuenbrietzen. Daher auch der Name BSG „Motor“ Treuenbrietzen.

 

Wie lange bist du dort eigentlich Vorsitzender oder Sektionsleiter gewesen?

 

Sektionsleiter war ich von 1980 bis 1990. Davor übte ich die Funktion des 1. Stellvertreters von 1962 bis 1980 aus. Dann haben unsere „wilden Jungen“ in Treuenbrietzen darauf gedrungen, dass die alte Tradition des MTV 1861 wieder entsteht. Im Herbst 1990 wurde der MTV 1861 traditionsgemäß aus der Taufe gehoben und der Verein wieder neu gegründet. Ich habe das befürwortet, allerdings nicht geahnt, wie viel Arbeit damit verbunden war. Mit der Gründungsversammlung wurde ich zum Vereinsvorsitzenden gewählt, was ich bis 2005 war, also 25 Jahre lang Vorsitzender des Vereins.

 

Warum bist du dem Verein so lange treu geblieben?

 

Ja, es sind jetzt 51 Jahre … Erstens ist Sport mein Leben von Kindheit an, wie bereits gesagt. Die Treue hat viele Gründe. Gesunderhaltung des Körpers, sportliche Tätigkeit und Aktivität und nicht zuletzt der gesellige Zusammenhalt im Verein. Nur in einem gesunden Körper lebt ein gesunder Geist. Das erlebe ich im MTV 1861 Treuenbrietzen immer wieder und wieder.

 

Aber das hättest du genauso gut in einem anderen Verein finden können…

 

Stimmt, aber der Treuenbrietzener Turnverein ist der einzige, in dem ich Turnen kann und dem ich mich von Jugend an verbunden fühle.

 

Rückblickend auf das halbe Jahrhundert im Verein – an welche Ereignisse denkst du besonders gern?

 

An die Feiern zum 100-jährigen Bestehen, wo die besten Turner der DDR hier in Treuenbrietzen ihr Können zeigten, und zum 110-jährigen Jubiläum des Turnens in Treuenbrietzen, an die Fahnenweihe 1989 und die (Wieder-) Gründung des MTV 1861 im Jahr 1990. Aber das sind nur die „großen“ Ereignisse. Wichtig finde ich vor allem, dass alle Vereinsmitglieder an der Weiterentwicklung des Sports und des Turnens in Treuenbrietzen mitgewirkt haben. Nur, wenn man auf so eine breite Unterstützung zählen kann, macht die Arbeit Spaß. Seien es der Vorstand mit seinen Gremien, aber auch die Übungsleiter, vor allem im Kinder- und Jugendbereich. Auf alle, die viel Freizeit in die Förderung und das Leben im Verein opfern, bin ich stolz.

 

Literaturtipp:

 

Wer mehr über die Geschichte des MTV 1861 Treuenbrietzen erfahren will, dem sei das Büchlein „150 Jahre MTV 1861 Treuenbrietzen.“ Empfohlen. Es schlägt einen Bogen von den Anfängen der Geschichte des Turnens in Deutschland, die in Berlin und Brandenburg begann, bis hin zum MTV 1861 Treuenbrietzen und seinen jetzigen Angeboten. Interviews mit Zeitzeugen, Erinnerungen langjähriger Vereinsmitglieder, ein Abriss der Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr Treuenbrietzen und des Spielmannszuges sowie ein umfangreiches Bildmaterial der verschiedenen Epochen ergänzen die 120 Seiten starke Publikation mit 80 Fotos und Abbildungen. Sie dürfte für all diejenigen, die sich für Sport- und Heimatgeschichte interessieren, eine interessante Lektüre sein. Das Büchlein ist zum Preis von 8 Euro an folgenden Stellen zu haben:

  • Stadtinformation Treuenbrietzen
  • Christine Wiesenack, Treuenbrietzen, Berliner Chaussee 2A
  • Rüdiger Lehmann, Treuenbrietzen, Leipziger Straße 26.
  • und bei allen Übungsleitern des MTV 1861.

Rüdiger Lehmann

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