Erinnerungen aus Vor- und Nachkriegsjahren

von Klaus Günter Haseloff, Niederschrift Emden 2009

Treuenbrietzen! Das war Kindheit pur! Meine Großeltern väterlicherseits wohnten dort und wir, mein Bruder und ich, fuhren sehr gern dort hin. Es sind auch so meine ersten Erinnerungen aus meinen Kindertagen und die reichen zurück bis vor den zweiten Weltkrieg. Oma und Opa wohnten im Bahnhofsgebäude, denn Opa war dort Bahnvorsteher. Mit Friedrich-Wilhelm-Schnauzbart, links und rechts die Spitzen sauber nach oben gezwirbelt, stand er am Zug und hielt die runde Kelle hoch, um den Zug abfahren zu lassen. Zu der Zeit wollte ich auch noch Lokführer werden. Wir durften auch schon mal in der Rangier-Lok mitfahren, das war auf jeden Fall ein Grund nach Treuenbrietzen zu fahren. Opa war früher mal bei den Ulanen und er trug seinen Bart wie Friedrich Wilhelm. Damit der ja seine Form behielt, trug er nachts eine Bartbinde, das sah so putzig aus. Eines meiner ältesten Bilder in meinem Gedächtnis ist das Schlafzimmer meiner Großeltern. In silberweiß gehalten, mein Opa mit Poposcheitel und Bartbinde im Bett liegend und auf dem Nachttisch stehend ein Wecker mit 2 großen Glocken. Wenn es also hieß: Wir fahren nach Treuenbrietzen, dann konnte es nicht schnell genug gehen und einmal, kann ich mich erinnern, waren wir sehr spät dran und meine Mutter rief Herrn Kalasch (nikow) am Bahnhof an und sagte: „Herr Kalasch (so hieß in Niemegk der Bahnvorsteher) hier ist Frau Haseloff, wir wollen nach Treuenbrietzen fahren und kommen möglicherweise nicht pünktlich!“ Was soll ich euch sagen, der Zug stand noch da, wir stiegen ein und los ging’s. Das war das Schöne an der „alten Zeit „, man hatte sie noch.

Am Bahnhof in Treuenbrietzen wartete man schon auf uns. Eines Tages – ein Bild in der Zeitung – eine Lok mitten auf der Fernstraße – o weh o weh. Ja was war denn da passiert? Ein Unfall, nein – ein Schabernack mit bösen Folgen. Mein Bruder und ich hatten eine Weiche umgestellt und der arme Lokführer ist statt nach links geradeaus gegen den Prellbock gefahren. Die Lok kam erst auf der dahinter liegenden Landstraße wieder zum stehen. Mein Großvater hat von dieser Heimtücke seiner Enkel nie etwas erfahren, man meinte es müssten vielleicht Ziegen oder Schafe verursacht haben, die manchmal auf den Gleisen herumstanden und erst wegliefen wenn ein Zug kam und die Pfeife ertönte. Wir bevorzugten jetzt andere Spielplätze, um aus der Schusslinie zu bleiben. Hätte Opa nur die geringste Ahnung gehabt, wir wären für ihn gestorben gewesen, er hätte uns nicht mehr mit dem „Allerwertesten“ angeguckt. Gott sei Dank war kein Mensch zu großem Schaden gekommen – ein Fahrradfahrer war vor Schreck gestürzt. Man stelle sich mal vor, was bei dem heutigen Verkehr da passiert wäre – na aber hallo, das hätte ein Aufsehen und eine polizeiliche Untersuchung gegeben. Was es damals an Reichsmark gekostet hat, weiß ich nicht. Es ist ja aber auch nach cirka 70 Jahren nicht mehr relevant. Streiche spielten wir weiterhin und so verging eine herrliche Zeit im Frieden. Auf dem Boden stöberten wir herum und fanden Billionen und Trillionen  – Scheine aus der Zeit der Inflation. Mit der Uniform vom Opa spielen – da gab es Ärger, das war ein Heiligtum, da mussten wir die Finger von lassen. Später, als Opa pensioniert wurde oder zu krank war, ich weiß es nicht, da zog man um in eine andere Wohnung in der Nähe zum Bahnhof. Oma hatte dort eine Abstellkammer unter der Treppe und der Inhalt in dieser waren Flaschen, Büchsen und Einmachgläser. Da gab es immer was besonders Interessantes. Ich mochte ganz besonders ihre Senfgurken und dann ganz speziell die Grießklößchen. Man erzählte mir später, dass ich immer, wenn Oma zu uns kam, zuerst fragte: „Oma hast du auch Grießklößchen mittebingt?“ Die waren auch so was von lecker, die schmeckten einfach herrlich.

In ihrer Wohnstube gab es zwei Plüschsofa – ein rotes und ein grünes – und ehe man sich auf eines setzen durfte, wurde erst ein gesticktes Deckchen draufgelegt, damit der Plüsch um Gottes Willen nicht beschädigt werden konnte.

Die Bomben haben darauf keinerlei Rücksicht genommen. Es wurde alles zerfetzt, nur Oma war Gott sei’s gelobt im Keller oder in Niemegk  und hatte das Bombardement  überlebt. Sie zog dann auf den Bahnhof und dort in ein kleines Häuschen, was wohl mal ein Geräteschuppen war. Man war bescheiden und froh, eine Unterkunft gefunden zu haben.

Ich weiß aus Erzählungen, dass Opa mal bei uns war und unbedingt mit dem Motorrad nach Hause fahren wollte. Mein Vater versuchte es ihm auszureden. „Das kannst du doch nicht, das ist doch kein Pferd!“ Seine Worte dagegen: „Was Lotte kann, das kann ich auch“ – fuhr los und musste in Treuenbrietzen in einen Gartenzaun fahren, weil er nicht wusste wie er das Motorrad abbremsen musste. Er konnte eben doch nicht Motorrad fahren wie meine Mutter. Noch ein paar mal hat er es probiert, bis er eines Tages in einer Schafherde steckend die Nase voll hatte. Es war eben doch kein Pferd.

In Treuenbrietzen war nix mehr mit Lok fahren, es gab nicht mehr die leckeren Senfgurken – es war einfach nicht mehr so schön wie auf dem Bahnhof früher.

 

Nach 1989, also nachdem ich wieder mal nach Treuenbrietzen fahren konnte (nicht mit der Bimmelbahn, die fuhr leider nicht mehr), ging mein Weg zum Bahnhof, um von der gegenüber liegenden Seite der Hauptbahnhofsstation ein paar Bilder von dem ausrangierten Kleinbahnhof zu machen.Ein paar Tränchen habe ich dabei schon zerquetscht, es waren doch zu schöne Erinnerungen und deshalb –

Auf Treuenbrietzen komme ich später noch mal zurück!

 

Als mein Vater so zirka 1919-22 in voller Montur vom Paukboden einer schlagenden Studentenverbindung aus Berlin kommend auf dem Treuenbrietzener Bahnhof eintraf, war zur gleichen Zeit auch ein Prinz auf dem gleichen in Treuenbrietzen gelandet. Noch wohl im alkoholisierten Zustand ging mein Vater auf den durchlauchten Prinzen (Name mir nicht bekannt) zu und klopfte dem auf die Schulter und sagte: „Mensch August, dass ich dich hier treffe!“ Daraufhin wurde mein Vater verhaftet und mein Großvater musste um Entschuldigung für das rüpelhafte Verhalten seines Sohnes bitten. So erzählte es mir meine Großmutter. Die Anrede August sagt auch bei meinem Vater nichts über den Namen des Prinzen aus, da mein Vater in Ermangelung auch später immer je nach Laune irgend welche Namen wie Heinrich, August oder Maxe benutzte. –

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges fuhr mein Vater vom Flughafen Zerbst kommend mit seinem Werkstadtzug zum Kleinbahnhof nach Treuenbrietzen und besetzte diesen. Zu seinem Zug gehörte unter anderem ein Kesselwagen, der angekoppelt zwischen den zwei Bahnhöfen abgestellt wurde. Im Krieg waren solche Kesselwagen für anfliegende Bomber, die auf dem Weg nach Berlin waren immer ein gern genommenes Ziel. Als dann zur gleichen Zeit ein Munitionszug mit Panzerfäusten beladen auf den Gleisen stand und die an oder abfliegenden  Bomberstaffeln die Wagons mit einigen Bomben bepflasterten, wurden auch Wagons mit den senkrecht stehenden Panzerfäusten getroffen, die dann explodierend im Stakkato ihre tödliche Kanonade gegen die Flugzeuge richteten. Da ich zu dem Zeitpunkt zu Besuch im Zuge meines Vaters weilte, konnte ich beobachten,wie verschreckt die Bomber sich in alle Richtungen aus dem Staube machten und das Weite suchten.                                                                              (eingereicht von Ernst-Peter Rabenhorst)

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